Mittwoch, 21. Dezember 2011

Christoph vs. the christmas presents

Morgen geht es wieder für eine gute Woche ins lauschige Oberfranken, um dort im Kreise der Familie gar beschaulich die Feiertage zu verbringen. Oder, um des mit den Worten des Gärtners zu sagen: "HÄUFLA!" ;).

Nur kurz was die letzten Tage noch so gelaufen ist. Es war ja am Ende recht stressig geworden, aber ich denke es lief am Ende alles ganz gut. Der CIEE Test war faktisch auch ohne gelernt zu haben mehr als machbar. Ein paar Sachen wusste ich aus eben diesem Grund schlicht nicht, aber für eine Klausur in der ernsthaft Fragen wie "Wer war der ersten Präsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik" gestellt werden, weigere ich mich einfach zu lernen :P (Zur Frage: Es war Tomáš Garrigue Masaryk. Und das ist etwa so wie in Dtld. zu fragen: "Wer regiert Dtld. von 1933 bis 45." Auf jedem Platz der groß genug ist, um dort ne Klobasa-Bude aufzubauen, steht eine Statue von ihm...). Auch den Essay hab ich dann am Abend noch durchgerissen und ihn Punkt 00:00 Uhr an den Dozenten verschickt. Ein großes UFFZ an dieser Stelle. Hatte vorher im Kurs gesehen, was sich die Amis unter einem Essay (wörtlich "Versuch";-) vorstellen und musste feststellen, dass ich mir natürlich viel zu viel Arbeit gemacht hab. Die schreiben halt Erörterungen und haben am Ende drei Zeitungsartikel und fünf Internet-Seiten gelistet. Fußnoten? Wiebittewas? (Unnötig zu erwähnen, dass ich natürlich in49 Fußnoten großzügigst mittellateinische Quellen aus der MGH zitiert habe. Das ist etwa so wie mit einer F-22 zu einer Kneipenschlägerei aufzutauchen...;-))

Am nächsten Mittag stand dann auch schon der Tschechisch-Test an und weil ich natürlich mal wieder nicht aus dem Bett kam hatte ich als ich endlich einen ruhigen Ort zum Lernen gefunden hatte, noch etwas mehr eine Stunde Zeit mir das nötigste ins Hirn zu jagen.
Man muss sagen, dass die Klausur zwar ziemlich umfangreich war (vier Seiten, fast 20 Aufgaben), aber wir sehr gut vorbereitet worden waren. Zum Teil fast 1:1 die Aufgaben, die wir vorher geübt hatten. Von daher war das auch mit meiner minimalistischen Vorbereitung mehr als machbar und ich habe ein dickes, fettes "A" bekommen ( = 1). Jetzt muss ich nur noch viereinhalb Jahre hier wohnen, dann kann ich mich einbürgern lassen ;).


Im Anschluss sind Bears und ich fleissig Weihnachtsgeschenke shoppen (tschech: nakupovat :-)) gegangen und haben tschechische Weihnachts/Winterspezialitäten verköstigt. Räucherkäse und Gulaschsuppe haben wir uns selber zugeführt. Außerdem sieht man jetzt an jeder Ecke Stände mit großen Zubern an denen man lebendigen Karpfen kaufen kann. Entweder lässt man ihn sich vor Ort umbringen und zerlegen und fertigt sich dann zu Hause was leckeres draus, oder man nimmt ihn lebendig mit nach Hause, wo es zwei mögliche Schicksale für ihn gibt. Entweder verbringt er dann bis Weihnachten seinen Lebensabend in der Badewanne fristen darf, bevor er von der Dame des Hauses fachgerecht enthauptet, ausgenommen und zubereitet wird. Oder die Kinder des Hauses verlieben sich Hals über Kopf in das große, schuppige Blubbermaul und adoptieren ihn, bis es dem Papa zu dumm wird und er ihn entweder trotzdem schlachtet oder der Kinder wegen, im nächsten Weiher aussetzt, wo er es sich dann nochmal ein Jahr gut gehen lassen kann. Ist auf jeden Fall angeblich super-tschechisch und geht auf die Zeit zurück als die Habsburger in jedem Dorf Karpfenweiher haben anlegen lassen, damit sich die Dorfgemeinschaft quasi autark ernähren kann.
Link
Ja Geschenke hab ich auch ein paar zumindest gefunden, allerdings werd ich morgen, bevor mein Bus fährt nochmal ran müssen :P. NERVIGST!

Im Anschluss waren wir dann nochmal auf dem Stammtisch, der wie immer sehr spaßig war. Natürlich war diesmal aber - neben den üblichen "Oberflächligen linguistischen Diskussionen" (Drei-Bücher-Philosoph") - der Tod von Havel das große Thema. Offenbar war der Mann innenpolitisch nicht unumstritten und bei allem Charisma und unpolitischen Anspruch, musste er doch seine Zugeständnisse an die berühmten "realpolitischen Sachzwänge" machen. So befürwortete er nicht nur den Krieg in Jugoslawien und Afghanistan, sondern auch im Irak! Außerdem hat der Drei-Bücher-Philosoph Bears und mich gemeinsam mit seiner Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief zu Silvester auf eine Datscha etwas außerhalb eingeladen. Alleine mitten im Wald! Zudem soll es bis dahin auch Schnee haben! Klingt zum kotzen romantisch!

Heute hat Bears sich dann in Richtung Bern verabschiedet was das zarte Pflänzchen unserer hoffnungsvollen Beziehung der Belastungsprobe von acht Tagen Trennung aussetzt! Mit herzzerreissender Abschiedsszene am Bahnhof, Winken mit dem Taschentuch und dem Zug hinterherlaufen bis der Atem ausbleibt und allem! (Ja gut, ich übertreibe... ein bisschen zumindest... ;))
Ihr nicht unumfangreiches Gepäck zunächst aber mal zum Hauptbahnhof zu bringen gestaltete sich als mittelschwere logistische Herausforderung, die wir Dank der Kooperation des öffentlichen Prager Nahverkehrs aber ganz gut überstanden haben...

Das wars jetzt fürs erste mal. Vielleicht auch schon für den Rest des Jahres, weiss nicht wie schnell ich, wenn ich vor Silvester wieder hierher komme, nochmal zu schreiben komme. Zumal mein Heimaturblaub hier wohl eher keine Rollen spielen wird (und sollte). Ich werde morgen in jedem Falle noch meine Sachen packen, meine Wohnheim-Zelle in Ordnung bringen, Einsicht in meine Tschechisch-Klausur nehmen und hoffentlich die noch fehlenden Weihnachtsgeschenke auftreiben, ehe ich mich am Abend in den Bus nach Nürnberg setze :). Und dann sehe ich die meisten von euch hoffentlich wieder live und in Farbe :)

Těším me!
Kryštof

Montag, 19. Dezember 2011

Christoph vs. the black flag

Schwarze Trauerfahnen überall an der Prager Burg, am Nationalmuseum, an Schulen und öffentlichen Gebäuden. Alles andere auf Halbmast. Verwirrte Touristen, die nicht verstehen was gerade passiert und Tschechen mit Tränen in Augen in der Tram und auf dem Wenzelsplatz.

Václav Havel (habe vor einigen Wochen über ihn geschrieben) ist tot und Tschechien nimmt sich das seeeeeeehr zu Herzen. Wir waren gestern auf einer spontanen, recht unoffiziellen Trauerkundgebung am Wenzelplatz, wo sicherlich einige Tausend Leute waren. War sehr berührend, auch wenn natürlich alles auf Tschechisch war und ich daher nicht wirklich etwas verstand. Die Rituale, die sich mit Havels Wirken in den späten 80ern verbinden wurden aktualisiert: Man sang die Nationalhymne, es gab "Havel na Hrad!"-Rufe und die Leute haben mit ihren Schlüsselbündern gerasselt. Alles Formeln der Samtenen Revolution, die im wesentlichen Havels Verdienst waren.
Auch für mich, der ich solchen Dingen ja innerlich eher fern stehe, doch beinahe ergreifend. Nun kommt Bears' Familie ja zur Hälfte aus Tschechien und es war schon sehr besonders so hautnah mitzubekommen, wie von Tschechen oder in Tschechien der Tod dieses Mannes aufgenommen wurde. Ich glaube nicht, dass es in Dtld. jemanden gibt, dessen Tod ähnliche Reaktionen hervorrufen würde. Havel war für die Tschechen ein Landesvater wie für die Deutschen Adenauer oder Brandt, eine moralische Instanz wie von Weizsäcker, dabei gleichzeitig für die jüngste Geschichte des Landes (Ende der Sowjetunion, Teilung in Tschechien und Slowakei, Westanschluss des Landes) so prägend wie für unsereins vielleicht Heimut Kohl! Und dann ist man noch nicht mal dabei angekommen, dass er auch noch ein einflussreicher und gefeierter Autor und Dramatiker war.

Auf jeden Fall hab ich das die letzten 24 Stunden hier sehr intensiv erlebt, die Medien sind voll davon und die nächsten Tage wird er in der Burg aufgebahrt, damit die Tschechen Abschied nehmen können. Tatsächlich waren wir gestern noch bei einer anderen Veranstaltung auf Kampa an der Moldau. Es brannte ein Feuer, es waren einige Hundert Leute da und sie haben gesungen und abwechselnd von ihren Erinnerungen an Havel gesprochen. War eine ganz merkwürdige Atmossphäre. Immer wieder gab es Zwischenrufe und die Leute haben laut gelacht, wie über einen geteilten Scherz. Ich habe natürlich kaum etwas verstanden und auch mit Bears' Übersetzung nur einen unvollständigen Eindruck erhalten, von dem was da geschieht. Dennoch war die Stimmung sehr besonders, man hatte den Eindruck alle würden einen gemeinsamen Freund begraben, jemand zu dessen Andenken und Leben jeder eine sehr persönliche Beziehung hat, die weit über staatsbürgerliche Betroffenheitsübung und patriotische Reflexe hinausgeht. Durch und durch bemerkenswert!
Wenn heute Helmut Kohl oder Richard von Weizsäcker stürbe, glaube ich kaum, dass mich das so beschäftigte, wie jetzt hier der Tod von Havel.

Vom Hauch der Geschichte, der hier gerade allerorten weht einmal abgesehen war die letzte Woche ziemlich umtriebig.

- Meine Recherche nach Büchern für meinen Essay hat mich durch die gefühlte Hälfte der 40 Teil- und Kleinstbibliotheken der Karlsuni geführt. Anstregend und oft frustrierend, dafür kenn ich mich jetzt in dem labyrinthischen Unikomplex zwischen Zeletná und Ovocný Trh (Was erstaunlicherweise nichts anderes als "Obstmarkt" bedeutet. Bzw. wörtlich eigentlich "Öbstlicher Markt") ganz gut aus. Und den Aufsatz nachdem ich so verzweifelt gesucht habe, hab ich auch gefunden. Yay!
Die Leute von der Geschichte hier sind im übrigen sehr nett, super-hilfsbereit und sprechen alle zumindest ausreichend gut Deutsch. Stellt sich heraus, dass sie eine Deutschprüfung ablegen müssen, wenn sie Geschichte studieren wollen! Offenbar ist die Forschung zur Geschichte Tschechiens bzw. Böhmens einfach so lange von Deutschen bzw. Deutschsprachigen geprägt worden, dass es einfach notwenig ist.

- Außerdem hab ich mit endlich ein Karlsuni T-Shirt gekauft, das ganz unbescheiden"Est. 1358" verkündet! War ja der eigentliche Grund hierherzukommen: Behaupten zu können an der ältesten Uni Mitteleuropas (südlich von Oxford, östlich von Paris, nördlich von Bologna) studiert zu haben und mir ein Hemd zu kaufen, dass das zweifelfrei belegt! Another Yay!

- Wir waren Donnerstag im "Besuch der Alten Dame" von der Theatergruppe der Germanistik hier. War eine sehr putzige Umsetzung und hat natürlich zu massiver Nostalgie meinerseits geführt. Irgendwie hab ich dieses Semester den Aufsprung verpasst, aber für nächstes Semester hab ich mich jetzt schon mal angemeldet. Ich werde also endlich, endlich, endlich mal wieder Theater spielen! And another Yay!

- Habe vor einigen Wochen schon einer Bekannten des Drei-Bücher-Philosphen (Wegen ihres sehr, öhm... freizügigen Facebook-Fotos seither im internen Diskurs nur noch als "Die Nackte" angeprochen - und Nein sie ist nicht auf meiner Liste, also braucht ihr nicht sofort losziehen und gucken...;)) dabei geholfen "Grenzverkehr" einen Film in dem tiefstes Bayrisch gesprochen wurde mit Untertiteln zu versehen. Ich übertrug das gesprochene Bayrisch also in Hochdeutsch und sie das Hochdeutsch dann ins Tschechische. War ganz witzig, wenn auch manchmal etwas merkwürdig, wenn man nach einer völlig unschuldigen Nachfrage erklären musste was "wixen", denn nun eigentlich genau bedeutet... in jedem Falle dürfte ich das Vokabular der Nackten deutlich erweitert haben... wenn auch wohl nur recht eindimensional.

- Vorletzte Woche oder wann das gewesen sein mag, war ich mit den ERASMUS Damen im Kino. Haben uns "Immortals" in 3D gegeben. An und für sich ein Film für die Tonne, wenn es nicht die wirklich sehenswerten Kampfszenen gäbe. Wie Zeus, Athene und Poseidon sich durch die sehr orkig geratenen Titanen schnetzeln ist optisch schon packend. Besonders beeindruckend war aber Ares der mit seinem Kriegshammer in Zeitraffer unter die wie erstarrten Feinde fährt und links und rechts blutige Blumen aus ihren Schädeln erblühen lässt. Durchaus innovativ und interessant, wie die gesamte Optik des Filmes, die offensichtlich durch Caravaggio-Gemälde und REM Muskvideos (kann man das im GEMA-Geiselland Dtld. sehen?) ispiriert wurde. Allerdings hätte ich nichts vermisst, wenn der Film NUR aus solchen Szenen bestanden hätte. Das bisschenHandlung zwischrein, als Entschuldigung den Helden nun in den nächsten Kampf zu schicken, hätte man sich konsequenter- und ehrlicherweise auch gleich ganz sparen können.

- Eigentlich hab ich grad gar keine Zeit. Mein Essay muss bis heute um Mitternacht fertig werden und ich muss noch die gesamten Beziehungen zwischen den deutschen Königen und den böhmischen Herzögen um 1200 nachzeichnen. Drei Seiten gilt es noch zu füllen, dann ist das Minimalziel erreicht und ich habe einen zehnseitigen Essay im wesentlichen in 48 Stunden durchgeprügelt. Außerdem ist heute Abend Abschlussklausur im CIEE und ich habe noch NICHTS dafür gelernt. Werde daher gleich ins Clementinum gehen und weiterschreiben bzw. anfangen zu lernen. Zudem ist MORGEN ja auch noch Abschlussklausur Tschechisch und wann ich das bitte lernen soll hat mir auch noch keiner verraten...

- Wird Zeit für die Feiertage! Freu mich auf die Heimat!

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Christoph vs. the battlefield

Meine Fresse was für eine Wochenende! Tag und Nacht verschwommen, Zeit und Raum hörten irgendwann auf eine Rolle zu spielen und wann gestern aufhörte, ob heute nicht eigentlich schon morgen, oder gestern nicht eigentlich schon vorgestern war, wurde zunehmend unklar.

Es begann mit hohem Besuch aus Bamberg. Als einzige der groß angekündigten WG-Delegation hat es dann doch das Frollein D. geschafft - wenn auch nur für wenige Stunden - im schönen Praha vorbeizuschauen. Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die wichtigsten Ecken (Hradcanská, Malá Strana, Karlsbrücke, Uni, Altstädter Ring, Namestí Republiky, Wenzelsplatz, Clementinum) haben wir dann Bears von ihrer Mathe-Schicht in der Biblithek desselbigen erlöst, um dann in Zizkov an bewährter Stelle angemessen tschechisch zu Abend zu tafeln und Bier zu verköstigen (geht einfach nichts über Master-Bier... außer vielleicht Kozel... oder Bernard...). Danach dann noch eine Runde ins K4, wo sich eine studentische Bastelgruppe breit gemacht hatte (Erläuterung: Das K4 ist eigentlich eine ganz coole Kneipe, gut vor Touristen und anderen Ahnungslosen Publikum unter einem Unigebäude versteckt. Eigentlich soll es dort, nach Worten Bears' "normalerweise" sehr cool sein, aber irgendwie scheint nie "normalerweise" zu sein, wenn wir dort aufkreuzen. Von Senior-Rockbands, über Vorträge zu Genese des gay-pornos, über obskure Nikolaus-und-Hundefutter-Parties, bis hin zu Bastelgruppen, haben wird dort schon alles beobachten dürfen...).
Da das Frollein D. am nächsten Tag um 13.30h bereits wieder in Würzburg (also im tiefsten Deutschland) am Bahnhof sein musste, hab ich sie am nächsten morgen - mit kaum vier Stunden Schlaf - in meinem Wohnheim abgeholt und zum Bahnhof eskortiert, nur um mich danach wieder in Bears' Wohnheim einzuschleichen, wo dann versucht wurde ein bisschen Schlaf nachzuholen, was den Tag völlig fragmentierte. Besser wurde es nicht dadurch, dass wir Abends auf so eine Art Privat-Seminar der "Hm-es-ist-kompliziert-Freundin" des Drei-Bücher-Philosophen eingeladen waren (Im Folgenden: Die Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief!). Es ging darum wie Sprache unser Denken beeinflusst - natürlich auf Tschechisch. Während Bears daher gleich zu Beginn hinging, entschloss ich mich erst zum gemütlichen Teil des Abends nachzukommen. Allerdings war ich dann doch - trotz großzügiger Zeitplanung - zu früh da und habe mir noch zwei tschechische Vorträge anhören können in denen es wohl um nordische Mythen (u.a. um die Länge des Nibelungenliedes) ging und zum Höhepunkt den des Drei-Bücher-Philosophen, der sich an einer Volkspsychologie der Deutschen Sprache versuchte, und natürlich zu dem Schluss kam, dass die Deutsche Sprache einen intrinsischen Ödipuskomplex hat mit Hitler als ridiküler Vaterfigur. Weil man ja nicht über die Deutsche Sprache und Kultur diskutieren kann und darf ohne wenigstens einmal Hitler als Ursache, Ergebnis oder am besten beides gleichzeitig zu präsentieren :P.
Die Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief, hatte mir, um mich über die mir unverständlichen tschechischen Vorträge hinweg zu trösten, ein bisschen leichte - deutsche - Lektüre in die Hand gedrückt: Der Briefwechsel von Freud und Jung neu ediert und zusammengestellt. Überraschend spannend :P.
Wie dem auch sei, nach dem erhellenden Vortrag des Drei-Bücher-Philosophen begann mit einem riesigen Topf Chilli der gemütliche Teil des Abends. Die Erinnerungen verschwimmen ab diesem Punkt zunehmend. Ich erinnere mich nur noch an einen wachsenden Berg Weinflaschen, eine beherzte Sammelaktion, um noch mehr Wein kaufen zu können, als die Vorräte sich dem Ende zu neigten, an den Drei-Bücher-Philosophen der sich als überraschend begabter Gitarrespieler und Sänger erwies, als er kommunistische Kampflieder anstimmte und dann das langsame hinübergleiten in einen Dämmerzustand so ab 5 Uhr am Morgen. Gegen halb zehn erwachte ich mich Weinkater im Kopf, Muskelkater in den Beinen und in Embryonalstellung zusammengekauert vor dem Sofa auf dem Bears sich inzwischen breit gemacht hatte und mich im Laufe der "Nacht" (Wann auch immer die stattfand) gänzlich verdrängt hatte. Die Wohnung glich einem Schlachtfeld, die gefallenen Alkoholbehältnisse gingen in die Hunderte und lagen überall verstreut umher, wie die Körper in treuer Pflichterfüllung niedergeschossener Soldaten. Weißgraue Asche und der Gestank von erkaltendem Rauch lag beissend über dem erschütternden Panorama, das sich mir bot, als ich mich aus meinen Fleece-Decken wurstelte und ich hätte mich nicht über das Wrack einen rauchenden Kampfpanzers im Flur gewundert. Vor meiner Nase lag jedoch nur ein Schlüssel mit einem Zettel der uns anwies uns doch selbst rauszulassen, sobald wir wach seien, während der Drei-Bücher-Philosoph den Geräuschen nach, die aus seiner Kammer tönten, gerade in seinen Träumen gerade begann die ersten Anzeichen eines ernsten posttraumatischen Stress-Syndroms zu bekämpfen. In der Küche fand ich dann ein gänzlich menschliches Opfer der letzten Nacht, auf der Schlafcouch daniedergestreckt, schnarchend vor. Bears und ich haben uns dann so gegen Mittag aus der Wohnung gelassen, um uns irgendwo, irgendwas zu Essen zu suchen, was dann auch irgendwie erfolgreich war, auch wenn es am Ende nur darum ging, schnell wieder in ein ordentliches Bett zu kommen, um zumindest noch ein bisschen seriösen Schlaf zu bekommen.
Zurückblickend komme ich nicht um den Eindruck herum, dass dieses Wochenende irgendwie mehr als drei Tage und zwei Nächte hatte... es war im bestenes Sinne des Wortes "very weird". Solche Tage (und Nächte) sind es die meine Zeit hier unvergesslich und zu einem großartigen Erlebnis machen. Danke an alle beteiligten, es war eine Ehre, ein Vergnügen und nur manchmal ein bisschen merkwürdig ;).

Ansonsten:

- Aufgrund organisatorischer Verwirrungen seitens des Dozenten, hat sich der Abgabetermin für mein Paper um zwei Tage nach vorne verschoben! Yay! Einige Aufsätze habe ich schon aufgespürt, ein paar weitere werde ich jetzt einsammeln. So etwas wie einen OPAC mit Internetausleihe scheint es hier nicht zu geben, dafür nicht weniger als 20 Departmental Libraries über die ganze Stadt verstreut, in denen ich mir jetzt meine hoffentlich hilfreichen Titel zusammen suchen darf :P. Montag Abend muss das Ding fertig sein: 10 Seiten. Bisher hab ich nur kopiert und recherchiert :P. Es läuft auf ein langes Wochenende im Lesesaal des Clementinums hinaus...

- Bears und ich planen/planten einen Feuerzangenbowle-Abend für den Drei-Bücher-Philosophen und die Tschechin, deren Antlitz der Schiffe Tausend rief. Gerade droht er jedoch an deren strammen Stundenplan zu scheitern...

- Am Donnerstag wird hier Goethe-Institut von einigen Deutschen und Tschechen, die ich vom Stammtisch her kenne, "Der Besuch der Alten Dame" von Dürrenmatt gespielt. Leider war ich dieses Semester zu spät um selbst mitzuwirken (nächstes mal!), aber wir werden uns das auf jeden Fall ansehen!

- Außerdem geplant ist ein Besuch in der Ceska mse vánocní von Jan Jakub Ryba, weil man das hier zu Weihnachtszeit eben so macht.

- Mittwoch in einer Woche entschwindet Bears nach Bern. Ich einen Tag und eine Klausur später ins lauschige Oberfranken! Yay, Weihnachten! :P

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Christoph vs. the gamechanger

"The game changer is the introduction of an element that significantly alters the current course of the story or event" Aus: tvtropes

Caveat: Der Folgende Artikel enthält z.T. massive Spoiler über das Leben eines gewissen Christoph P. und darüber hinaus über Entwicklungen in verschiedenen Produkten serieller Fiktion.

Ich hab mir in den letzten Tagen und Wochen viele Gedanken über Sinn und Zweck dieses Blogs gemacht. Es kam zu Entwicklungen, welche mich zeitweise sehr stark an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens haben zweifeln lassen. Als ich vor inzwischen über zwei Monaten nach Prag gegangen bin, ging es mir beim Erstellen dieses Blogs v.a. um zwei Dinge: Zum Ersten wollte ich alle grundsätzlich über das was ich hier so tue informiert halten, und um nicht immer die selben Geschichten und Ereignisse fünfmal erzählen zu müssen, halt hier in dieser quasi-öffentlichen Form. Pure Faulheit, wenn ihr so wollt. Zum Zweiten brauchte ich natürlich auch meine Bühne, jetzt so ohne Tutorium und alles, wo ich meine halbklugen An- und Einsichten, sowie Musik, Filme und Serien mit Menschen, die das vielleicht, vielleicht aber auch nicht interessiert, teilen kann.
In keinem Falle hatte ich vor oder konnte ich absehen, dass ich hier das Ende einer Beziehung kommunizieren müsste. Oder den Beginn einer Neuen. Davon, dass das alles innerhalb weniger Tage geschehen würde mal ganz zu schweigen. Jaaaaa, neun Tage um genau zu sein, kann das mal jemand nachschlagen, das muss irgendein verdammter Rekord sein (Wobei mir nach drei Sekunden Nachdenken mindestens zwei Fälle einfallen bei denen es noch schneller ging: Hallooo Finnin mit dem Pferdenamen und Gefühlte Schwester aus Mittelfranken! ;)). Und Nein, ich werde dazu nichts weiter sagen. Ich habe die letzten Tage damit verbracht das permanent - v.a. vor mir selbst - zu rechtfertigen und es ist einfach der Punkt erreicht an dem man sagen muss: So ist es! Grow up with it! Weswegen ich mich auch entschieden habe, hier nicht länger zu schweigen und zu genießen.
Denn das Leben kümmmert sich nicht um "the best laid plans" (Alter Jüdischer Witz: Wie bringt man Gott zum Lachen? - Man macht einen Plan!), es schlägt Haken, keilt aus, rebelliert, tritt einem in die Eier und lacht dann auch noch dreckig. Oder es gibt einem die Gelegenheit alles zu ändern. A clean slate, sozusagen und in gewisser Weise - zumindest emotional - nochmal neu anzufangen. Eine solche Veränderung kann natürlich auf mehreren Ebenen eintreten und unterschiedlich weitreichende Implikationen haben. In fiktiven Narrativen würde man soetwas als einen gamechanger (vgl. oben) bezeichnen. Solche plot-devices schreiben das Setting, den Plot oder die interpersonellen Konstellationen welche einem solchen Narrativ inhärent sind, gründlich um. Man denke daran, als am Ende der Ersten Staffel von Alias endlich SD6 hochgenommen wurde, als Willow aus einer Jägerin Viele machte, als die Defiant zum ersten mal an DS9 andockte (hach), als Michael Westen in Washington seinem alten Boss gegenüber stand, als Chuck zum gefühlten hundersten- diesmal aber wohl endgütligen male von der CIA gefeuert wurde oder natürlich als Ned Stark seinen Kopf verlor (Die Reihe könnte sich sicherlich ad perpetuum fortsetzen lassen, wobei es mir jedoch erscheint, dass nur serielle Fiktionen in Frage kommen, da nur diese den erzählerischen Raum haben, um überhaupt ein game zu etablieren, dass dann gechanget werden kann. Innerhalb eines einzelnen Romans/Films scheint mir das nicht zu vollem Effekt nötig. Blickt man jedoch auf TV-, Comic- oder Romanserien, dann dürfte man eher fündig werden. Man denke an eine gewisse Hochzeit später im SOIAF oder den Besuch von Mr. Dark in der Bullfinch Street am Beginn der "Zweiten Staffel" von Fables oder, oder, oder...).
Gamechanger
müssen dabei allerdings nicht zwangsläufig gut ausschlagen (Alas poor Eddard, I knew him Petyr...) oder das halten was sie auf den ersten Blick zu versprechen scheinen (Was habe ich gejubelt als Ende der dritte Staffel von Chuck endlich der vermaldedeite Buy More gesprengt wurde und was haben sie daraus gemacht? Eine lächerliche CIA Basis!! Auch Burn Notice scheint ja im Grunde nicht wirklich aus seiner inzwischen gründlich ausgekauten comfort zone Miami+Case of the week ausbrechen zu wollen...). Aber sie bringen nichtsdestotrotz Schwung in ein festgefahrenes, vielleicht bisher allzu lineares Narrativ.

Lange Rede, wenig Sinn. Ich habe meinen gamechanger hier gefunden. Überraschend, ungeplant, manchmal überwältigen aber bisher - von einem strikt narrativen Standpunkt aus betrachtet - sehr postiv zu bewerten. Daher wird die bisher hier als "Schweizer Mathematikerin" gedubbte Person im Zukunft der Einfachheit halber als "B." erscheinen, denn so wie es scheint wird sie regelmäßiger hier anzutreffen sein.

Es war diese Entwicklung welche meine letzten Wochen hier dann auch ganz maßgeblich geprägt hat. Ich will euch die Details ersparen daher verlege ich mich auf die bewährte Collagentechnik, um die letzten zwei Wochen ungegliedert und wertfrei zusammenzufassen.

- Zunächst mal: Nothing important happened at university. Tschechisch läuft, und in zwei Wochen ist mein Paper für den Czech and Central European History Kurs fällig. Als Thema untersuche ich die Beziehungen zwischen den deutsch-römischen Königen/Kaisern und den böhmischen Fürsten/Königen im Hohen Mittelalter. Jetzt muss ich nur noch rausfinden wie hier die Bibliothek funktioniert... :P

- In Tschechisch haben wir inzwischen Adverbien, Verben der 2. und 3. Kategorie, Ordnungszahlen, Wochentage sowie den Nominativ und Akkusativ Plural durchgenommen. Letztere aber nur für Feminin, Neutrum und unbelebtes Maskulinum und in all diesen Kategorien auch nur solange es jeweils nicht mehr als vier sind. Denn dann wird das jedesmal wieder anders, komplizierter, nerviger und gemeiner, weil man das in dieser Sprachen eben nunmal so macht, wenn das irgendwie möglich ist. Im Plural kommt ab Nummer fünf wieder der unvermeidliche Wechseln in den Genitiv (den wir dieses Semester nicht mehr lernen werden) und Gott allein (und vielleicht ein paar reflektierte Tschechen) weiss (wissen) was sie sich für das belebte Maskulinum ausgedacht haben.

- Genug mit dem technisch-universitären Vorgeplänkel: Die Zeit mit B. bestand vor allem aus endlosen, bis tief in die Nacht dauernden Irrungen durch Prags Gassen, Straßen und Plätze. Unter anderem stolperten wir über einige lächerlich romantische Orte, aber auch eine frische Unfallstelle mit Polizei, geschrottetem Roller, Leiche und allem.
Mein Schlafrhythmus hat sich wieder massiv nach hinten verschoben, da ich nur selten vor halbdrei/drei ins Bett komme und inzwischen hab ich den Weg von der Uni bis zum Wohnheim mehr als einmal zu Fuß zurückgelegt (Nachttrams fahren nur etwa alle halbe Stunde. Würde man das von der Uni aus direkt gehen dauerte das vielleicht eine Stunde, etwas mehr eventuell...). Hinzu kamen die ein oder andere Flasche Weißwein in der Kneipe unserer Wahl, ein Tagestrip ins schöne Kutná Horá (wo es eine SENSATIONELLE spätgotische Kirche gibt - das fast noch berühmtere Ossuarium haben wir leider verpasst, das hatte schon zu, weil ich mich nicht von dem Riedschen Schleifengewölbe in der Kirche losreissen konnte... ;) - wir werden wohl nochmal kommen müssen :P) und einige tolldreiste Stunts, um ihre Mitbwohnerinnen bzw. vor allem die Pförtnerinnen ihres Wohnheims zu überlisten (Von "Ja, nur zum Lernen", über "Ich bin ein Buckel" bis hin zum seit Baldurs Gate bewährten "Wir sind die Putzkolonne" wurde alles mit zum Teil äußerst wechselhaften Erfolg versucht...). Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Oder wie seit gestern. Die Jury ist immernoch draußen... :P

- Der Tschechisch-Deutsche Stammtisch hat kollektiv das Gefühl sich für uns gratulieren zu können. Vielleicht hat er nicht ganz unrecht.

- Außerdem: Um einen Lern- und Arbeitsraum zu haben hab ich mir einen Ausweis von der Bibliothek im Clementium machen lassen. Mein Foto sieht wie immer ganz grässlich aus, aber wenigsten hab ich jetzt einen Raum, wo ich in Ruhe meinen Essay schreiben und mich hinter Büchern vergraben kann.

- Niemals nicht Punsch, Grog oder Glühwein auf dem "Königlichen Weihnachtsmarkt" auf dem Altstädter Ring trinken. Grässlich. Es gibt einen Stand am Alten Rathaus der ganz ordentlich ist, aber den Rest kann man getrost knicken. Ansonsten ist Prag zu Adventszeit einfach nur zucker! Völlig überrannt mit Touristen (wie eigentlich immer), aber ansonsten seeeeehr erträglich.

- In der Nähe des Namesti Miru habe ich einen fantastisch-nerdvanaesken Comic-Book-Store entdeckt! Aus Rücksicht auf wenig comic-affine B.-gleitung habe ich mir einen stundenlanden Stöber-Aufenthalt verkniffen. But I'll be back!

- Inzwischen kann ich auf Tschechisch fast alles bestellen und bezahlen. Manchmal verstehe ich sogar die Antworten und Nachfragen meiner jeweiligen Gegenüber (bzw. kann erfolgreich erraten, um was es geht). Eine B.-gleitung zu haben deren zweite Muttersprache Tschechisch ist, ist im Zweifelsfall zumindest nicht hinderlich.

- Gestern lief im Tschechischen Filmclub ein Puppenfilm. Solange die Unterhaltungen nicht allzu obszön wurden (schonmal einen Film mit fickenden, blutenden, kotzenden und kackenden Holzpuppen gesehen??? Die Augsburger Puppenkiste wird nie mehr diesselbe sein...) und sich nicht mit vergangenen Dingen beschäftigten, konnte ich immer wieder mal über einige Sätze hinweg, ganz gut folgen!

- Morgen kommt das Frollein D. aus der Kunigundenruhstraße in BA-Town zu Besuch. Da sie nur wenig Zeit hat werden wir das Marathon-"Prag in 12 Stunden"-Programm fahren. Brace yourselves!

Jetzt seid ihr so in etwa auf dem Laufenden. Sicherlich gäbe es noch Einiges nachzutragen, vielleicht mache ich das die nächsten Tage noch - wahrscheinlicher aber eher nicht :P.
Ich plane im Übrigen, wenn sich keine weiteren Termine auftun und alle Klausuren und sonstigen Leistungen bewältigt sind, in ziemlich genau zwei Wochen ins lauschige Oberfranken zurückzukehren. Würde für etwa eine Woche bleiben... da soll irgend so ein obskures dreitägiges Fest sein, von dem ich gehört habe, dass man es traditionell im Kreise der Familie verbringt. Kann mir da jemand mehr zu sagen? Wer fühlt sich bei "Familie" angesprochen und nimmt mich auf?

Montag, 21. November 2011

Christoph vs. chinese plastic music

So, jetzt hat euch die Sprache verschlagen, ja? Zuviel Selbstentäußerung im Internet? Ich kann nicht versprechen, dass das besser wird :P...

Die letzten beiden Tage saß ich an meinem Course Report, war im Gottesdienst in St. Martin und bin viel durch die Stadt gestiefelt.
Beim Course Report war die Gretchenfrage: Verreisse ich den italienischen Prof und seine steile "Wie-Wolfram-von-Eschenbach-fast-auf-dem-Scheiterhaufen-gelandet-wäre"-These oder doch nicht? Nach langem Hin- und Herformulieren, hab ich mich für eine leicht entschärfte, aber immernoch sehr klare Version entschieden, in der ich die Probleme seiner Argumentation (KEINE Quellengrundlage) aufzeige und gleichzeitig einen alternative Herangehensweise (narrativ-konzeptionell) vorschlage. Mal sehen was sie sagen... aber so stehen lassen ging einfach gar nicht :P. Zumal ich indirekt durch einen prominenten Wolfram-Experten bestätigt worden bin ;).

Am Samstag hab ich außerdem die ersten Folgen von "Grimm" angeguckt. Ein bisschen "Fables" und "Supernatural" mit einer Prise Crime-Series... naja, mitreissend nicht, nur Silas Weir Mitchell als im Grunde sympathischer aber leicht instabiler "Big Bad Wolf" hinterlässt einen (guten) bleibenden Eindruck. Er ist übrigens eines dieser Gesichter, das man sicherlich schon hundertmal in diversen Serien gesehen hat, aber auf Anhieb nicht an eine Rolle nageln kann. Ich für meinen Teil kannte ihn, wie sich herausstellte, aus Burn Notice (Seymour). Darüber hinaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass viele der 'Monsters of the week' deutsche Namen haben: Während "Blutbad" (Plural "Blutbaden") und "Hexenbiest" (Plural "Hexenbiests") noch schlicht amüsant sind, ist "Jagerbaer" schon ein bisschen 'cringe-worthy'.

Eine weitere Seriem, die ich mir fürs lange Wochenende vorgenomme hatte war "Revenge". Trotz der sehr positiven Berichterstattung eines gewissen Taugenichts, schreckten mich die Optik und die Trailer ein bisschen ab. Sah für mich aus wie O.C. California ans andere Ende der Staaten (in die Hamptons) versetzt. Interessiere ich mich wirklich für den Liebesschmerz, die Lebenskrisen und Intrigen und ein bisschen Rachedrama um einen Haufen lächerlich reicher und absurd gut aussehender Amis? Wie es sich herausstellt tut es das! Emilys Rachestreben steht im Mittelpunkt (Schon ganz am Anfang heißt es "This is not a story about forgiveness" und dieser Tenor zieht sich bislang durch die ganze Serie) und bestimmt die anderen Erzählbögen, welche sich um sie herum entfalten. Eine O.C.-Atmossphäre kommt also erfreulicherweise zu keinem Zeitpunkt auf. Die Handlung ist dicht, spannend und schreitet schnell voran. Gerade hier hatte ich Angst, dass die Macher der Versuchung erliegen das Setting in aller Breite auszuschlachten und nochmal in allen bekannten Topoi einzuführen. Aber es geht erfreulich schnell zur Sache und Emily beginnt die Fassaden der reichen, schicken Hamptons-Welt einzureissen, nicht jedoch ohne sich dabei selbst immer tiefer in das komplexe Beziehungsgeflecht ihres Opferkreises zu verstricken. Gefällt mir!

Eben habe ich angefangen mit "Once upon a time", das zweite große Märchen-Abenteuer, dass die US-Serien diese Saison auf den Markt werfen. Klar bietet sich der Vergleich mit "Grimm" irgendwie an, aber die Jury ist in dieser Sache immernoch draußen (btw: Hoorray for direkt ins Deutsche übersetzte englische Idiome!) !

Als Ausgleichprogramm für viel zu viel Serienguckerei bin ich am Samstag im großen Bogen durch die Stadt gegangen. Von Hradcanská, über die Prager Burg, durch Hradcany bis zum Kloster Strahov (was überraschend schnell ging). Von Strahov aus müsste ich eigentlich in ca. 30 Minuten bis zu meinem Wohnheim laufen können... mal sehen, vielleicht teste ich das heute noch aus. Wirklich was zu tun hab ich heute nämlich bis 17h nicht. Von Strahov aus bin ich dann in die Kleinseite hinabgestiegen, wo ich über die Deutsche Botschaft stolperte und den Genscherschen Balkon ausspähte, was zu einer bizarren und äußert befremdlichen patriotischen Regung irgendwo tief in meiner bundesdeutschen Brust führte. Hm, das wird beobachtet!
Danach bin ich im weiten Bogen durch Malá Strana wieder zurück zur Hradcanská gelaufen. War schön, ein bisschen Bewegung und ich habe wieder ein paar Verknüpfungen hergestellt und Horizonte verschoben. Wer hätte gedacht, dass man von Strahov aus so einen tollen Blick auf die Stadt hat?

Am nächsten Tag hatte ich die (katholische) Schweizer Mathematikerin überredet mich ich den evangelischen (Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder) Gottesdienst in St. Martin an der Mauer zu begleiten. Eigentlich nur ein Vorwand um Tschechiens ältestes erhaltenes Kreuzrippengewölbe zu bewundern. Außerdem wurde in dieser Kirche 1414 im Rahmen der hussitischen Reformen zu ersten mal das Abendmahl sub utraque specie gefeiert. War dann aber auch ein sehr schöner Gottesdienst. Die Pfarrerin war ein bisschen anstrengend, sehr enthusiastisch-salbungsvoll, darauf steh ich ja GAR NICHT. Aber der Gastpfarrer, der (dankenswerterweise) die Predigt hielt schlug sich da schon besser. Ausreichende Kontextualisierung der Bibelstelle und keine Angst vor unbequemen Passagen (Unvergessen die Äußerung einer Ex-Freundin: "Ich mag das Alte Testament nicht..." :P). Auch ein gewisser Pfarrerskind-Nostaligefaktor machte sich breit: Die haben noch die alten Gesangsbücher! Nachdem meine katholische Begleitung ihre Verwunderung über eine "richtige Struktur im Gottesdienst" überwunden hatte, eskalierte unser Heimweg ("eigentlich könnten wir auch laufen") ein bisschen, führte uns über die Karlsbrücke, durch die Kleinseite und Újezd, dort in eine bonbonbuntes China-Restaurant mit hirnerweichender pseudo-asiatischer Schmachtmusik, die sich unauslöschlich in meine Ohwindungen wurmte, und schließlich über Strahov hinauf zu ihrem Wohnheim/meiner Tram.
Nachdem ich mich also in dieser Weise wieder erfolgreich für einen halben Tag vor der Fertigstellung des Course Reports gedrückt hatte, musste dieser nun, nachdem ich wieder im Wohnheim war, ernsthaft angegangen werden. Um aber das Hörtrauma aus dem Chinarestaurant zu überwinden, mussten wahrhaft schwere Geschütze aufgefahren werden. Vorher war an ein sinnvolles Arbeiten nicht zu denken. J.S. Bachs Johannespassion hat sich dann aber doch als seeeeeehr effektiv erwiesen! Mit so gereinigtem Hörapparat konnte dann im Laufe des Abends auch der Course Report zu einem (hoffentlich) glücklichen Ende gebracht werden.

Was habe ich heute/am Wochenende gelernt: Ein bisschen was über Bach, die Deutsche Wiedervereinigung sowie die Topographie dieser schönen Stadt. Ansonsten war ich erfreulich faul!

Was höre ich gerade:
Bach war schon ne Granate. Hat mich gerade echt am Haken: "Wir haben ein Ge-seeetz, und nach-deeem Ge-seeetz soll er steheheheheheheheheheheheeeerben!"

PS: Als Nachtrag vielleicht noch mein großer Lacher des Wochenendes zur aktuellen Verfassungsschutz/Rechtsradikalismus-Debatte in der Heimat...

Samstag, 19. November 2011

Christoph vs. Mater Urbium

Etwas außerordentliches passierte in den letzten Tagen. Etwas, das mir in dieser Form seit den frühen Tagen meines Zivildienstes nicht mehr passiert ist: Ich verliebe mich in eine Stadt.
Damals war ich neu in Bamberg, zum ersten mal von zu Hause weg, alleine und für mich und habe die Stadt erkundet, beseelt von einem (rückblickend eventuell unangebrachten) "Christoph-in-der-großen-Stadt"-Gefühl.
Die letzten zwei, drei Tage war es hier ähnlich, nur dass ich mich hier dabei meist in exzellenter Gesellschaft befinde ;).
Es begann damit, dass wir die Reste des "Jüdische Museum Prag" Tickets aufsammeln wollten und daher Maisel-, Klausen- und Spanische Synagoge abgeklappert haben. Davon ausgehend eskalierte das dann und führte in endlosen Runden durch und um die Altstadt. Und - meine Fresse- diese Stadt ist groß! Ich hatte ja ein bisschen Angst bevor ich hierher kam, dass mir das zu klein werden würde - wollte ja in eine GROSSE Stadt. Auf den Bildern sah dass dann alles sehr überschaubar aus in Bamberg war der Tenor von Leuten, die schonmal in Prag gewesen waren "Ach Prag, das ist ja wie hier, nur ein bisschen größer." Zunächst mal ist "ein bisschen" in diesem Fall 17x (SIEBZEHN) größer und in Bamberg wird man lange suchen müssen, um eine kubistische Villa oder eine abgefahrene Anlage wie das Clementinum finden zu können. Oder einem Haufen hinduistischer Mönche (? - die Hare Krishna-Typen halt...) über den Weg zu laufen, oder so etwas leckeres wie Kolaatsch (Lautschrift) zu essen, oder mitten in der Stadt über ein spätgotisches Kloster zu stolpern mit der Aufschrift "Sonntags 10.30h evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache" (fest vorgenommen für morgen, wenn ich aus dem Bett komme...:P).
Jedesmal, wenn ich meinen Horizont ein bisschen weiter hinausschiebe, neue Wege und neue Ecken erkunde, erfahre ich von weiteren Orten, jenseits meines gerade erst erweiterten Horizontes: "Aha, das ist also das Südende des Karlsplatzes... wie jetzt dahinter kommt noch ein Botanischer Garten?", "Hm, die Kafka Ausstellung war jetzt nicht so prickelnd, gut, dass es in Malá Strana noch ein Kafka-Museum zu geben scheint".
Langweilig oder zu klein wird es mir hier nicht, diese Stadt bietet genug zu Erkunden und zu Entdecken, um mich die nächsten Monate zu beschäftigen. Gut, dass ich nicht nur ein Semester hierher gekommen bin, das wäre jetzt ja schon wieder fast halb vorbei und ich fange grade erst an unter die Oberfläche dieser Stadt zu blicken.
Kafka hat es sicherlich nochmal ganz anders - und weit weniger schmeichelhaft gemeint - als er schrieb: "Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen", aber gerade kann ich mich - auf meiner Ebene - sehr mit diesem Satz identifizieren.
Nichts von dem was in den letzten eineinhalb Jahren mein Leben bestimmt und strukturiert hat fällt hier noch an oder wird wirksam... and I'm enjoying the shit out of it!
Das bisschen Uni, dass ich hier habe, lässt sich relativ simpel marginalisieren...
Auch die Entdeckung wie kurz der Weg von einer Metro-Station zur anderen eigentlich ist, hat maßgeblich zu dieser Entwicklung in den letzten Tagen beigetragen. Ich überlege es mir jetzt zweimal, ob ich wirklich die Metro/Tram nehmen sollte oder müsste. So bin ich gestern, nach einem vergnüglichen Abend mit den ERASMUS-Damen, vom Café Slavia in der Neustadt bis zur Hradcanská Metro-Station hinter der Prager Burg gelaufen und auch dieser Weg erschien am Ende gar nicht mehr so weit...
Ja, merkwürdig. Je enger alles zusammen rückt, umso größer erscheint es im Ganzen.

Was habe ich heute/die letzten Tage gelernt: Viel über diese Stadt. Die Spanische Synagoge ist eigentlich eine byzantinische, das ehemalige Judenviertel Josefov wurde im späten 19. Jhd. komplett eingestampft und im Gründerzeit-Stil in der heutigen Form neu aufgebaut, Kolaatsch ist superlecker, Das Tanzende Haus soll tatsächlich aussehen wie ein tanzendes Paar - es hat sogar eine "Frisur" - und, dass diese Stadt GROSS ist und größer zu werden scheint je länger man sich mit ihr beschäftigt.

Was höre ich gerade: Einem wertvollen Musik-Tipp aus Bonn folgend, läuft bei mir gerade Elbow rauf und runter, v.a. die großartige Live-Aufnahme ihres vorletzten Albums "The Seldom Seen Kid" in den Abbey Road Studios mit Unterstützung des BBC Concert Orchestra.

Cause holy cow I love your eyes
And only now I see the light
Yeah lying with you half awake
Stumbling over what to say
Well, anyway: It's looking like a beautiful day.

So throw those curtains wide
One day like this a year we'll sing it right.

Mittwoch, 16. November 2011

Christoph vs. the short way home

Heute bin ich einer Laune folgend nach dem Tschechischen Filmabend mal nicht direkt vor der Uni in die Metro runtergestiegen, um von dort aus zwei Stationen nach Norden, bis hinter die Prager Burg nach Hradtschanskaa (Lautschrift) zu fahren, sondern bin von der Uni (S-taromnjestkaa - Lautschrift, ist die Station in der ich normalerweise einsteige) bis dorthin gelaufen. Das ging überraschend schnell! Malos-transkaa (Lautschrift) ist gleich auf der anderen Seite des Flusses und Hradcanská nur etwa 10 Minuten den Berg hinauf. Insgesamt bin ich auf keinen Fall länger als 20 min unterwegs gewesen. Also eigentlich kein Weg. Und das fällt mir jetzt nach bald zwei Monaten auf! Mal sehen vielleicht lauf ich das jetzt in Zukunft öfter, ist auch ne ganz nette Strecke so. Nur von Hradcanska aus bis zum Wohnheim das dürfte sich ein bisschen ziehen. Da werd ich doch weiterhin auf die Tram zurückgreifen... Aber mal schaun, wenn ich mal Zeit und Lust habe, versuch ich das mal zu Fuß zu machen. Man dürfte so ne gute Stunde unterwegs sein, schätz ich jetzt mal...

Was gibt es sonst noch:

- Der Film heute erzählte vom Leben Prager Jugendlicher in den 70er Jahren, also zur Zeit der sowjetischen Besatzung. Manchmal bizarr, manchmal lustig, machmal bittersüß, oft bedrückend, aber leider auch ein bisschen träge und wenig pointiert, werden vier Heranwachsende von ihrem 16. bis zum 19. (?) Lebensjahr begleitet. Interessant, aber sicherlich nicht der Höhepunkt dessen was wir da bisher gesehen haben.

- Ach ja, die Midterm-Klausur in "Czech & Central European History" war ein A. Also ne 1. 58/60 Punkten :p... 'Nuff said.

- In der Nähe des Bethlehemsplatzes hängt hier eine Figur von Sigmund Freud an einem Arm von einem Träger, der weit in die Straße hineinragt. Köstlich. Trotz seiner bedrohlichen Situation hat er seine andere Hand aber ganz entspannt in die Hosentasche gesteckt.

- Der Drei-Bücher-Philosoph hat mich zu meinen "Gestapo"-Handschuhen beglückwünscht. Mal sehen, ob ich noch einen passenden Mantel und natürlich einen entsprechenden Hut auftreiben kann... :P

- Der Drei-Bücher-Philosoph (der Prager mit dem ich mich auf dem ersten Stammtisch so angeregt unterhalten habe...) heißt hier jetzt so, weil er drei imaginäre Bücher führt. Ein "rotes", indem sich wohl Vertraute und Vorbilder finden. Das umfasst unter anderen Rosa Luxemburg, Hegel und Karl Marx. Dann gibt es ein violettes - unentschiedenes - indem ich mich mit Lenin, Kant und der Schweizer Mathematikerin in exzellenter Gesellschaft befinde. Und schließlich eine schwarzes für Stalin, Engels z.B. oder die beiden Niederländerinnen vom Wochenende, die sich wohl allzu offensiv für ein allgemeines Rauchverbot aussprachen, was beim kettenrauchenden Drei-Bücher-Philosophen gar nicht gut ankam. Ich war auch schon kurz davor ins Schwarze Buch abzusteigen, konnte aber meine Mitgliedschaft in der Facebook-Gruppe "Wir wollen Reichskanzler von Bismarck zurück" als Satire plausibel machen und behalte daher meine entspannte Mittelmacht-Position ;).

- Morgen wir der Rest des Synagogentickets abgefeiert. Wäsche waschen muss ich auch noch und zudem sollte ich ernsthaft anfangen mich um den Kursbericht für das Blockseminar vom letzten Wochenende zu kümmern. Ach, wem mach ich was vor! Wird sowieso wieder Sonntagnachmittag bis ich das Ding wirklich schreibe! :P

Was habe ich heute gelernt: Mal von der Entdeckung des Laufweges nach Hradcanská abgesehen: Karl IV. hat tatsächlich die Anfertigung neuer Kronjuwelen in Auftrag gegeben und auch zur modernen Tschechischen Republik gehören noch Teile von Schlesien. Hätte ich das schon vor zweieinhalb Wochen gewusst hätte es in dem midterm Test 60/60 gehießen ;)

Was höre ich gerade: Es bleibt erstmal bei Muse. Und wenn man erstmal bei Muse angekommen ist, dann wird es wirklich zunehmend schwieriger noch etwas besseres zu finden... Tipps?

Dienstag, 15. November 2011

Christoph vs. the remains of the day

Was hat sich ansonsten noch in den letzten Tagen so zugetragen? Zeit für eine Collage ungeordeneter Erinnerungsfetzen:

- Donnerstag Abend bis Samstag Abend war ich tagsüber auf dem Blockseminar "Obscuritas in the Middle Ages". Drei Dozenten (Tschechien, Ungarn, Italien) haben in mehreren Blöcken v.a. Rätsel als obskure Schlüssel zu Konstitution von exklusiven Gruppen vorgestellt bzw. haben Obskurität als Problem beim Übersetzen aus dem Griechischen ins Lateinische und die damit verbundene Diskussion von Quintillian, über Hieronymus bis Leonardo Bruni vorgestellt. Beides erwies sich als ziemlich interessant und ließ sich überraschenderweise auch recht gut verzahnen. Besonders abgefahren fand ich die Isländische Skaldendichtung, die eine sehr metaphorische Sprache pflegt (Kenning). Ein Beispiel:

GAETIR GEIRASTÍGS: GAETIR ist der Wächter, GEIRA das Schwert, STÍGS meint Pfad. Wir haben also den Wächter des Schwertpfades. Nun muss man Schwertpfad als Schlachtfeld erkennen und man hat den Wächter des Schlachtfeldes und das wäre? Richtig, der "Krieger". So oder so ähnlich, sind die dann aufgebaut. Weiteres Beispiel, vom berühmtesten aller Skalden Egill Skalla-Grímsson:

That maelti mín módhir
at mér skyldi kaupa
fley ok fagrar árar,
fara á brott medh vikingum,
standa uppi stafni,
stýra dýrum knaerri,
halda svá til hafnar,
höggva mann ok mannan.

Frei übersetzt bedeutet es etwa: "Meine Mutter sagte mir ich sollte mir ein schickes Schiff und tolle Pferde kaufen, es mit Wikingern bemannen, und das wertvolle Schiff in einen Hafen steuern um dort den einen oder anderen Mann zu Mann zu töten". Also ganz lebensnahe Tipps von der Wikingermama an ihr Kleines... in your face Wickie! Außerdem vermute ich Ansätze zu einem frühen "Deine Mudder..."-Witzchen...

Das andere bemerkenswerte war eine hahnebüchene Theorie des italienischen Profs an dessen Ende er im Prinzip behauptete, dass Wolfram von Eschenbach, wegen ketzerischen Gedankenguts im Parzival, fast von der Inquisition verbrannt worden wäre. Da musste ich dann intervenieren, weil das.... das war einfach.... das ging einfach... das ging einfach zu weit. Aus einer Reihe von im Grunde nachvollziehbaren Annahmen
konstruierte der dann eine geradezu atemberaubende Ereigniskette: Wolfram war durch Robert de Boron beeinflusst, der Wiederum durch die Katharer, Wolfram nimmt also unreflektiert und ohne es zu wissen katharisches Gedankengut in seine Gralsthematik mit auf, das fällt den mächtigen Franziskanern/Dominikanern (?) am Hof des thüringischen Landgrafens auf, an dem Wolfram sich befindet, die weisen ihn darauf hin, Wolfram muss sich innerhalb seines Textes selbst revidieren - er lässt Trevrizent die frührere Beschreibung des Grals als "Unwahrheit" darstellen und ihn dann eine orthodoxere Beschreibung nachliefern - weil ihm - also Wolfram - sonst ein Ketzerprozess drohte.
Ja richtig! Warum auf Textebene nach einer intradiegetischen Erklärung suchen, wenn man auch so eine bizarre Kopfgeburt ausbrüten kann, um es zu erklären und es einem noch dazu in den akademischen Quark passt. Nochmal: Wir wissen next to nothing über Leben und Arbeiten Wolframs von Eschenbach, außer das was er in seinen Texten schreibt und von der Problematik aus literarischen Texten auf historisch-biographische Einzelheiten des Autors schließen zu wollen, fang ich hier gar nicht erst an. Und jetzt zaubert dieser Italiener diese abenteuerliche Geschichte aus dem Hut. Ich muss sagen ich war erstmal sprachlos. Hab dann ne Weile mit ihm rumverhandelt, bis er am Ende eingeräumt hat, dass es natürlich keinerlei Beweise oder auch nur seriöse Hinweise auf diese Theorie gibt... abzubringen war er davon nicht und ich könnte mich immernoch furchtbar drüber aufregen. Das es den Leuten so schwer fällt einfach mal zuzugeben, wie wenig wir eigentlich wissen und wissen können und sich immer verpflichtet fühlen, das ohne harte Anhaltspunkte derartig fantasievoll auszuschmücken...
Aber gut. Ansonsten war das Seminar sehr spannend und interessant und ich muss jetzt bis Sonntag einen Kursbericht schreiben, wenn ich meine Punkte haben will... mal sehen inwieweit ich diese Theorie berücksichtigen werde... :P

- Samstag und Sonntag durfte ich dann dankenswerterweise der Schweizer Mathematikerin helfen ihren internationalen Besuch zu bespaßen. Eine improvisierte Führung über den Altstädter Ring brachte überraschend viel hervor, ich war ENDLICH mal auf dem Alten Jüdischen Friedhof (sehr beeindruckend) sowie in der Pinkas- und der Altneusynagoge. Die anderen (Maisel, Spanische und Klaus) kommen auch noch dran, das Ticket ist noch bis nächste Woche gültig. Später haben wir es sogar noch auf den Altstädter Rathausturm geschafft! Spitzenaussicht, Spaßiger Aufzug mit Spiegel an der Decke was natürlich zu fotographischen Alberheiten einlud. Aber langsam lichtet sich das Feld der touristischen Sachen, die ich noch unbedingt hier machen muss... Ach ja, die Leuten waren auch sehr nett ;). Zwei Niederländerinnen wurden zu meinen persönlichen Heldinnen, als sie anlässlich einer kurzen Orientierungsverwirrung bei der Suche nach der nächsten Tramstation sangen "Where do we go from here?" und damit Gesprächsstoff für die nächsten eineinhalb Stunden lieferten... und dann war da noch die Sache mit dem Kinn... :P

- Habe gelernt, dass "Vêtrník" der Stadtteil in dem ich wohne und nachdem auch mein Wohnheim benannt wurde "Windrad" bedeutet. Ist das nicht süüüüüß?

- Der zweite Tschechisch-Text gestern lief ganz ok. Hab wohl wieder zu viele Leichtsinnsfehler gemacht... bin diese Art von Leistungserhebung nicht mehr gewohnt.... ;)

- Wir haben jetzt mit dem Akkusativ angefangen. Langsam, ganz langsam bekommen wir es mit seriöser Grammatik zu tun.

- Habe endlich das Finale von Staffel Vier von "Chuck" geguckt... Allerschönst, herzerwärmend, wunderbar unterhaltsam und ein John Casey in Hochform: "Russians! So many russians!"

- Am Montag war ich mit zwei ERASMUS-Damen im Kino und zwar in "Midnight in Paris" von Woody Allen. Ein sehr putziges, harmloses Filmchen mit einer lustigen Plotidee, um die zu goutieren man wohl ein größerer Paris-Narr (v.a. 20er Jahre & Belle Epoque) sein muss als ich es bin... aber die Inszenierung der auftretenden historischen Persönlichkeiten und Künstler waren köstlich amüsant und machen den Film ziemlich sehenswert... d.h. wenn man ein weiteres herbeigezaubertes und über Knie gebrochene Happy-End verkraften kann...

- Das Wetter in Prag war die letzten Tage knackekalt und sehr, sehr neblig! Man konnte z.T. kaum weiter als 10m sehen.... v.a. für den Taiwanesischen Zellengenossen ein klimatischer Kulturschock (?) "Is it going to be like that all winter? I've never seen snow before.... is that snow?".

- Es steht wieder ein langes Wochenende bevor. Das dritte in diesem Semester, so kann das gerne weitergehen... ;). Werde auf jeden Fall mal noch die übrigen Synagogen auf meinem Ticket abklappern, dann gibt es noch einige Zweigestelle der Narodní Galerie, die ich noch nicht gesehen habe (Antike, Barock, Moderne) mal sehen, ob ich mich motivieren kann und ob ich jemanden finde, der leichtsinnig genug ist mit mir in ein Museum zu gehen...

Was habe ich heute/die letzten Tage gelernt: Ganz ehrlich, ich glaube ich habe die letzten Tage mehr über das Leben, das Universum und den ganzen Rest gelernt als in den zwei Jahren zuvor...

Was ich gerade höre: Fragt mich nicht, wie ich dazu gekommen bin, aber irgendwie bin ich gerade bei System of a Down gelandet... However did that happen??? Ansonsten hab ich die letzten Tage noch viel The Killers gehört (vgl. letzter Eintrag), Tegan&Sara und natürlich Muse (und ja, ich weiss, dass das ein Cover ist).

Mittwoch, 9. November 2011

Christoph vs. Graf Rudolf

Zur allgemeinen Überraschung und Erleichterung eines ganzen Seminars, stellte sich der Vortragende für diese Woche (und die nächsten drei) , als ein sehr putziges, altes Männchen, von mindestens 100 Jahren heraus, das zwar auch etwas schwer verständlich spricht, aber dafür lebhaft und interessant vorträgt. So werden wir die kommenden Vorträge über Buchkultur am luxemburgischen Hof in Prag, denke ich ganz gut überstehen! Er hat Fragen gestellt, auf Nachfragen nicht völlig authistisch reagiert und versucht den Wissenshorizont seiner Zuhörer mit einzubeziehen. Was zu beunruhigenden Erkenntnissen auf dieser Seite führte: Kann es wirklich sein, dass von 15 Studenten aus Deutschland und Österreich nur einer weiß was die DFG ist?

Die anschließende Vorlesung über "Dt. Lit. vor 1700" war an und für sich ganz interessant, nur verstehe ich nicht so ganz warum er in einer Überblicksveranstaltung wie dieser, die knapp 900 Jahre deutsche Literaturgeschichte abdecken soll, eine ganze Doppelstunde für obskure Texte wie "Trierer Floyris","König Rother","Graf Rudolf" und auch den von mir ja sehr geliebten "Herzog Ernst" hernimmt. Sogar "Orendel" und "Salman und Morolf" haben es in seine ppt. geschafft...
Am Ende immerhin kamen wir noch kurz zu Hartmann von Aue und seiner "Klage", dem "Gregorius" und dem "Armen Heinrich", aber dennoch scheint es mir nicht ganz verhältnismäßig zu sein, Texten wie "Iwein","Erec" und "Parzival" dann genausoviel/wenig Zeit einzuräumen, wie den oben genannten... Hätte das ja anders organisiert, weniger auf Vollständigkeit, dafür bei den wichtigeren Texte auch mal ein bisschen ins Detail... aber naja... bin gespannt wie es das machen will, wenn wir mal ins 15.-17. Jhd. kommen...!

Uuuund ich habe endlich ein paar Leute aufgetrieben, die noch nicht auf dem Alten Jüdischen Friedhof und in den ganzen Synagogen hier waren (die sich DIREKT neben dem Fakultätsgebäude befinden) und so werden wir uns das hoffentlich am Sonntag Vormittag ansehen...

Ansonsten habe ich den gestrigen Tag damit verbracht eine Hausarbeit Korrektur zu lesen, die mir aus Bamberg zugeschickt wurde (bald fertig, keine Angst ;) und vergangene Woche aus IRGENDWELCHEN Gründen liegengebliebene Serien aufzuholen. Außerdem beginnt heute Abend ja das Blockseminar "Obscuritas in the Middle Ages" was zwar sehr interessant klinggt und worauf ich mich sehr freue, wofür ich aber auch noch einiges lesen muss (u.a. einen sehr... nunja obskuren belletristischen Text über Averroes...) Dieses Blockseminar wird mich auf jeden Fall die nächsten beiden Tag vollauf beschäftigen, mal sehen wann ich wieder zum Schreiben komme und wie einsatzfähig mein Hirn dann am Sonntag sein wird...

Was habe ich heute gelernt: Naja eigentlich vorgestern. Trotzdem: Wenn ein Tscheche sehr gut Deutsch spricht, dabei aber immer wieder nahtlose Tschechische Worte einbaut, nennt man das "Makkaronisch"... warum auch immer... lustig ist es allemal!

Was höre ich gerade: Einer Facebook Verlinkung folgend höre ich gerade Anita Lipnicka & John Porter, einem höchst interessanten und vielseitigen Englisch/Polnischen-Duo...

I wear scars
On my body, in my mind
They remind me
Of who I am
Got no place
To call my home
I live where I stand

Christoph vs. the Island


So, nun ist sie wieder fort. Nach fünf Tagen hessischer Hutfräulichkeit in meinem Prager Leben stürze ich wieder zurück in das was einem "Alltag" in dieser Stadt am nähesten kommt.
Rückblickend war es eine sensationell schöne Zeit, wir haben viel unternommen und gesehen, aber auch eine merkwürdige Episode, wie eine kleine Insel in der großen Insel meines Auslandaufenthaltes und es fällt schwer jetzt einfach wieder weiterzumachen. Es fiel auch schwer sich auf dieser Insel zunächst zurecht zu finden. Es zeigte sich, dass ich hier recht schnell und umstandslos wieder in alte vor-hutfräuliche Lebensformen zurückgefunden habe, hier, wo ich mein Leben nicht mehr tagein tagaus mit diesem sehr besonderen Menschen teile.
Zum einen liegt mir das als Lebensform sehr und hat sich hier in den letzten sechs, sieben Wochen bewährt. Ich genieße mein Einzelgängerdasein hier ja schon ein bisschen...;)
Zum anderen führte es auch zu Kollisionen und Diskussionsstoff. Doch diese Themen haben wir zum Glück rechtzeitig ansgesprochen und aus der Welt geschafft, so dass vier vollen Tagen von Museums-hopping (2x National Gallery), in Touristenfallen tappen (NIEMALS in Ujezd ins Hotelrestaurant "Zu den drei Kreuzen" gehen!), durch die Stadt Gerenne (Vysehrad, Neuer Jüdischer Friedhof, Petrin), Nilpferde und Pinguine bestaunen (Zoo) und Shopping (Andel) nichts mehr im Wege stand. So kam ich - mehr oder weniger zufällig - auch mal dazu das Grab eines gewissen Dr. Franz Kafkas zu besuchen, auch wenn das Grab als solches eher enttäuschend ist. Hatte schon etwas... interessanteres, erwartet als einen Obelisken...
Ansonsten war ich im Rahmen eines Seminars noch in der Bibliothek des Prämonstratenser Stifts Strahov, eine durch und durch beeindruckende Anlage vergleichbar vielleicht nur mit St. Gallen, mit Bibliothekssälen aus Barock und Klassizismus und einer fantastischen Sammlung. Könnten einen ganzen Beitrag nur über diese Biblothek schreiben.... u.a. haben sie da z.B. ein "Bücherrad" (eines von sieben oder so, die es in Europa noch gibt, vgl. Bild oben), eine Art spezialisierter Schreibtisch, den man seit dem 17. Jhd. nutzte, um Schriften zu kompilieren. Klare Sache, dass ich sowas jetzt auch brauch', man stelle sich vor wie viel Spaß Hausarbeiten schreiben aufeinmal machen würde, wenn man alle Literatur und Editionen einfach auf diesen praktischen Brettern ausbreiten und je nach Bedarf einfach rauf und runter drehen könnte! Jetzt brauch ich natürlich nur noch ein standesgemäßes Arbeitszimmer...

Ich muss mich leider kurz fassen, werde aber heute Abend nochmal schreiben. Die nächste Veranstaltung steht aber schon an, wieder ein Vortrag über Kultur im mittelalterlichen Böhmen. Mal sehen, was sie sich heute ausdenken, um die abgrundtiefe Schnarchigkeit der letzten drei Vorträge noch zu über bzw untertreffen...

Mittwoch, 2. November 2011

Christoph vs. the midterm

Heute vormittag hab ich mich gezwungen früh aufzustehen (also vor neun... mein Tagesrhythmus hat sich hier ganz schön nach hinten verschoben. Nie vor eins ins Bett, kaum vor neun wieder raus...) und mal ein bisschen was für die midterm Klausur zu lernen, die heute in "Czech and Central European History anstand. Konnte das nur schwer einschätzen. Der Dozent legt großen wert auf Jahreszahlen, was mir ja gar nicht liegt... aber gut, da musste ich dann durch, und habe Namen, Daten, Orte gepaukt. Es gelang mir auch fast ohne Ablenkung, bzw. ich hab es irgendwann geschafft mich immerhin nicht mehr fachfremd abzulenken.

Mittags war dann wieder eine Vorlesung in der Reihe "Kultur im mittelalterlichen Böhmen". Erinnert ihr euch noch, wie ich mich letzte Woche optimistisch geäußert habe, dass es nach den beiden völlig verschnarchten Vorstellungen in den letzten beiden Wochen eigentlich gar nicht mehr schlimmer kommen könnte? Nicht sehr genre savvy von mir, denn natürlich, sobald die Worte "Jetzt kann es ja nicht mehr schlimmer kommen", einmal geäußert wurden ist das Universum durch alle Gesetze von Narration und Dramatik dazu verpflichtet es schlimmer kommen zu lassen. Und - meine Fresse - heute hat das Universum aber geliefert. In Form einer mausgrauen, völlig verhuschten Paläographin, die uns was über die Entwicklung der Schrift in Böhmen erzählen wollte. An und für sich - mal wieder - nicht uninteressant. Aber dann sprach sie superleise, völlig ohne Intonation, guckte dauern nach unten oder irgendwohin, lief dauernd vor den Tischen hind und her und all dies TAT - SIE - UN - END - LICH - LAAAAAAAANG - SAM! Zwischen Anfang und Ende eines Satzes brachte sie gerne mal die gesamte Breite des Raumes und gönnte sich etwa zu jedem Komma eine Denkpause von gefühlten viereinhalb Minuten. Ihr Vortrag driftete ziellos vor sich hin, sie wiederholte sich zu allem Übel auch noch hundertmal und meanderte so durch ihre Gedankenwelt. STER - BENS - LANG - WEI - LIG!
Nun weiss ich ja zum Glück, dass Paläographie durchaus spannend sein kann (und das sage ich als Bamberg/Enzensberger-Geschädigter) und, dass die Beschäftigung mit dem Mittelalter (VIEL) mehr ist als das Schnüffeln an alten Pergamenten. Aber nun saßen da eben auch noch 14 andere Studenten, bei denen sich mal wieder ALLE Vorurteile über das Mittelalter und das Studium desselben bestätigt haben dürften. Dann hat sie auch noch versucht die Leute zur Mitarbeiten zu bewegen! Der Einzige, der sich dann erbarmt hat, war mal wieder ich... aber was erwartet sie auch, dass die Leute hier einfach mal anfangen gotische Minuskel oder Bastarda von furchtbaren Kopien runterzulesen?
Die Geschichte und das Studium des Mittelalters ist so spannend und hat soviel zu bieten und dann macht man hier in der akademischen Lehre so eine Schnarchnummer drauß. Sowas macht mich wütend, wütend, wütend! Wo ist Funny Eicky, wenn man ihn braucht? (A propos, für alle denen gegenüber ich noch nicht damit rumgeprahlt habe: In meiner letzten Hausarbeit- noch aus dem letzten Wintersemester - beim erwähnten Bamberger Mittealterprof habe ich zum spannenden Thema: "Fromme Stiftungen in Orient und Okzident: Das Heilig-Geist-Spital in Nürnberg und der Begräbnis-Khanqah al-Muzaffar Baybars in Kairo im Vergleich", eine 1,0! HAH!)
Manchmal vermisse ich Bamberg tatsächlich. Zumindest als Biotop für Mittelalter-Nerds wird man weiter gehen müssen als bis Prag, um etwas Besseres finden zu können...*soifz*

Danach war dann die Vorlesung über Höfische Literatur (Minnesang und Frühe Epik) fast ein Genuss. Obwohl auch hier alles schonmal gehört gewesen. Danach bin ich noch zur Post, um ENDLICH mal den ganzen Papierkram nach Bamberg auf den Weg zu schicken. In Erwartung eines umständlichen, bürokratischen und servicefeindlichen Spießrutenlaufes hab ich mir extra die Schweizer Mathematikerin als tschechischsprachige Verstärkung mitgenommen, doch - siehe da - es war - einfach! Hin, Umschlag abgeben, Geld für Briefmarken zahlen, fertig. Wie in der Heimat. Wundervoll!

Kaum erwähnenswert war dann noch die midterm-Klausur am Abend. Bei Fragen von der Qualität "Welche historischen Landschaften gehören zu Tschechien" oder "Streichen sie durch welche Institutionen/Gebäude/Gegenstände nicht von Karl IV. gestiften/errichtet/angefertigt wurden" oder aber auch "Beschreiben sie den Begriff 'Defenestration' mit einigen Worten" (im Ernst? Ich mein... wtf?) wurde mir klar, warum der Dozent sich in der zweiten Woche so wortreich bei mir für die Qualität des Kurses entschuldigte. Auf jeden Fall hab ich mich in meiner Herangehensweise so wenig wie möglich zu lernen voll und ganz bestätigt gefühlt. Nur beginne ich mir langsam, ganz langsam Sorgen um mein akademisches Niveau zu machen... naja, zum Glück lern ich ja noch Tschechisch und hab das Amerika-Seminar...
Dafür gehen wir mit dem Dozenten am Montag in die Bibliothek des Klosters Strahov hier in Prag. Der Dozent ist da nämlich auch noch Bibliothekar und bei der Bibliothek handelt es sich um eine der ältesten, bedeutendsten und schönsten in ganz Tschechien! Da hüpft das Mittelalternerd-Herz!

Morgen kommt dann die Allerschönste Hutfrau und bleibt bis Dienstag! Weiss also nicht wie bald ich hier wieder zum Schreiben komme. Aber sorgt euch nicht, ihr könnt mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass es mir nicht schlechter geht, als sonst in den letzten Wochen. ;)

Was habe ich heute gelernt: Dass es immer auch noch schlimmer geht. Gerade bei Vorträgen zu mittelalterlicher Paläographie. Und ja, das hat mich überrascht!
Naja und zusätzlich hab ich mir heute noch die gesamte tschechische Geschichte vom späten 9. bis ins frühe 17. Jhd. ins Hirn gekippt... mal sehen wieviel das am Ende wert ist...

Was höre ich gerade: Dasselbe wie gestern. Ansonsten ein bisschen Tom Waits oder Anna Calvi...

PS: Ich weiss nicht genau, wie die rechtliche Situation ist, aber ich glaube jetzt wo ich hier Sachen verlinke muss ich mich auch davon distanzieren oder so. Es gibt auch irgendeinen klugen Paragraphen, der das besagt und auf den ich mich jetzt hier berufen sollte. Also... *räusper* hiermit distanziere ich mich ausdrücklich von all den kreativen Großartigkeiten, wichtigen Informationen und wundervollen Fundstücken, die ich hier verlinke. Ich bin weder für die Recherchearbeit, noch sonstige Geistesleistungen dahinter in irgendeiner Weise verantwortlich und will das auch gar nicht sein. Und da dieses Blog hier schätzungsweise fünfeinhalb Leute verfolgen, will ich es jetzt damit gut sein lassen...


Dienstag, 1. November 2011

Christoph vs. excessive linking

Es ist vollbracht:


Alle. Unterschriften. vereint.


Das erfüllt mich mit einem Gefühl tiefer Zufriedenheit und hohen Triumphes. Morgen geht der ganze Mist mit der Post raus! Mehr gibt es zu heute eigentlich nicht zu sagen :)

Außer vielleicht, dass mein kleiner Vortrag zum Nibelungenlied wohl erst nächste Woche stattfindet, wobei ich das Seminar auch heute schon (Minnesang, Gottfrieds Literaturexkurs) ziemlich monopolisiert habe... manchmal fühl ich mich da ja gar nicht wohl bei, aber ich finde das immer zuuuuu unangenehm, wenn das GAR keiner was sagt und alle nur ratlos gucken... und ich kann da schon immer was zu sagen... fragt sich halt, wie klug das dann immer ist. Naja...

Im Tschechisch-Kurs haben wir ausführlichst Adjektive geübt, was auch bitter nötig war. Der Test ist ganz gut gelaufen, hab nur nen Haufen Leichtsinnsfehler gemacht, das ärgert einen dann doch...

Zwischenrein war ich mit dem Herrn Philosophen vom Stammtisch in einer Kneipe zu einer vergnüglichen Diskussion über Kommunismus, Deutsche Politik und Hannah Arendt. Wie immer sehr anregend und ich hab ein tolles neues Bier entdeckt: Bernard. Mit richtigen Bernhardinern im Wappen! Nur vollgeraucht war es da wieder... alles stinkt und dieses urrrrrks-Gefühl im Rachen, wo der Passivrauch sehr aktiv reinkriecht... äkälich!

Nur der Stammtisch heute abend war dann nicht so dolle... war eine andere Kneipe, weniger Leute d.h. v.a. viele Leute von den letzten beiden Wochen nicht da. Die erste Stunde war ich der einzige, der kein Tschechisch sprach, was ein bisschen anstregnend war, wenn man sich dann immer auf deutsch dazwischen drängen zu müssen. Lustig war nur die Anekdote eines Tschechen der erzählte, dass er in Deutschland einem Mädchen ein aufrichtiges Kompliment machen wollte, sich aber idiomatisch Vergriff, als er ihr versicherte:"Im breitesten Sinne des Wortes hast du eine sehr gute Figur."
Aber ansonsten blieb es irgendwie eher lahm...
Zum Glück war ich nicht der Einzige, der das so sah und so geriet der vergleichsweise frühe Heimweg mit meinem Waschmaschinenretter und seiner Freundin ins wunderhübsche Wohnheim zum nettesten Teil des Abends... ;-)

So zur Erweiterung meines kleinen Blog-Unterfangens hier, hab ich mir überlegt zwei kleine Kategorien jeweils am Ende einzuführen.

Erstens: "Was habe ich heute gelernt", weil am Ende bin ich ja doch hier um was zu lernen und in meinem angestrebten Berufsfeld geht es ja v.a. darum: Lernen, lernen, jeden Tag lernen. Aber keine Angst, ich begnüge mich mit einem bemerkenswerten (oder auch nicht) Detail, keinen dreien und ich fange auch nicht an Spielleute abzustechen und ihnen ihre Stiefel zu klauen oder Versicherungskaufleute zu vergiften (Ja richtig, irgendwo hier verbirgt sich eine sehr subtil versteckte SOIAF Anspielung...)

Als zweites: "Was höre ich gerade", weil das was ich gerade höre, einfach zu toll ist, um es nicht zu teilen!

Also:

Was habe ich heute gelernt?: Die fünf Stufen der Entstehung einer Rede (Officies) in der klassischen Rhetorik: Inventio, Dispositio, Elocutio, Memoria, Pronuntiatio/Actio! Solche Wissensbrocken zu verinnerlichen ist wichtig, das Rumspuckpotential zu späteren Gelegenheit ist ENORM!

Oh und ich habe gelernt wie man hier Links einfügt. Das wird mir - und euch - noch leid tun... ;) Man kann so viele schöne Dinge verlinken...

Was höre ich gerade?: Ich höre zu Musik gewordene Großartigkeit! Nichts geringes. Ein hochklassiges Ratespiel auf der Pinnwand meines jüngsten Bruders brachte mich dazu, mal wieder in Anais Mitchell's Konzeptalbum "Hadestown" von 2010 reinzuhören, das ich zum letzten mal vor etwa einem Jahr angehört habe, also kurz nachdem es rauskam... mir aber aus irgendwelchen Gründen nie gekauft habe... Narr, der ich war! Es handelt sich um eine Verarbeitung des Orpheus&Eurydike Stoffes im schönsten Americana-Stil. Mal mitreissender Gospel, mal leidenschaftliche Arie, mal schmissiger Country, oft einfach herzzerreissend aber immer schlicht und einfach großartig, alle reinhören! In der vielleicht großartigsten Nummer wird in einer Art Wechselgesang zwischen Hades und seinem Gefolge, mit Tom Waitseskem Geraune die ganze Paradoxie der US-amerikanischen Angstneurose seziert (ähnlich gut - wenn auch völlig anders - hat das bisher eigentlich nur Michael Moore geschafft).
Den Rest einfach zusammensuchen, in einer Playlist arrangieren und genießen. Es macht Laune, es kribbelt, es kracht, es schmerzt!

Hey little songbird, give me a song!
I'm a busy man and I can't stay long.
I got clients to call, I got orders to fill,
I got walls to build, I got riots to quell,
and they're giving me hell back in Hades.

Oh und morgen steht die midterm Klausur am CIEE an... ich sollte langsam anfangen zu lernen...

Montag, 31. Oktober 2011

Christoph vs. Count Count

Wenig überraschend wurde aus der Unterschrift heute wieder nix. International Office hat heute gar nicht erst aufgemacht... immerhin hab ich eine Mail vom Auslandsamt Bamberg bekommen. Solange wir bis zum 15. November unser Zeug einschicken, klappt das mit dem Geld in diesem Jahr noch. Das sollte doch klappen, wenn ich das morgen/übermorgen endlich wegkriege...

Danach hab ich mir dann einen Elektrorasierer zugelegt, um nicht mehr allzusehr wie ein "U-Bootfahrer" (Zitat "Der Baron") auszusehen... um den Mittag abzurunden bin ich nochmal weit mit der Roten Linie in den Süden gefahrn und hab mir meinen Karten Code abgeholt! Endlich ist wenigstens der Kontokram erledigt. Wenn jetzt auch noch das Geld aus Dtld. ankommt bin ich hier endlich umstandslos liquide!
Auf dem Rückweg bin ich dann Essen gegangen. Nachdem ich mich das ganze Wochenende von Cornflakes, Äpfeln und Käsebrot ernährt hatte, musste mal wieder was Warmes sein und ich hab mich in so ein möglichst tschechisches Lokal, direkt ums Eck von der Bank, in der ich gewesen war gesetzt, also hoffentlich möglichst untouristisch und billig und meilenweit entfernt vom Zentrum. Und tatsächlich bekam ich für 127 CZK (etwas mehr als 5 Euro...) eine Schüssel Borschtsch (Lautschrift. Eigentlich "Borsc" mit Hájeks auf "s" und "c" hinten), ein Viertel-Hähnchen mit dem Riesenhaufen Kartoffeln, etwas Soße und Gemüse dazu und noch ne Coke. Macht satt für den Rest des Tages...

Heute Abend war dann noch der CIEE Kurs. Wir haben nochmal alles Revue passieren lassen, zur Vorbereitung auf den Zwischentest (nichts anderes versteckt sich hinter dem schönen Wort "Midterm"). Wird denk ich ganz machbar werden. Mir persönlich ist es ja ein bisschen viel Jahreszahlenlernerei hier... bäh!

Viel mehr war heute gar nicht los, aber ich kann noch ein bisschen von letzter Woche nachliefern. V.a. über das tschechische Zählen kann man viel berichten. Das haben wir nämlich nach dem Test letzte Woche gelernt. Zahlen über 10 und wie man die Uhrzeit ansagt, oder ganz allgemein Dinge zählt. Und da wird die Sache schon echt... merkwürdig.

Erstmal sind die Zahlwörter unfassbare Zungenbrecher. Das völlig unproblematische Deutsche "achthundertsiebenundzwanzig" wird im Tschechischen zu "osmset sedmadvacet". "Hundert" wiederum heißt einfach "sto". Richtig lustig klingt das wenn es dir einer im Billa an der Kasse entgegenknödelt...
Aber zum eigentlichen Problem. Wenn Dinge gezählt werden (was auch für die Uhrzeit gilt), dann unterscheidet man imTschechischen zwischen maskulin, feminin und neutrum. Es heißt also "jeden rok" (ein Jahr, mask.), "jedna koruna" (eine krone, fem.) und "jedno pivo (ein Bier, neutr.). Oder eben "jedna hodina" (Ein Uhr, fem.). Das ganze passiert völlig unverdächtig im Nominativ Singular. Soweit, so gewohnt. Wenn es mehrere Dinge sind wechselt man logischerweise in den Plural. Allerdings gilt das auch für die Uhrzeit, was für Germanisch-romanische Hörer und Sprecher, schon sehr ungewohnt sit. Es heißt also "tri hodiny" (Hájek auf das "r", etwa: "Drei Uhren"). Richtig abgefahren wird es aber dann, wenn es mehr als vier werden. Also fünf. Dann wechselt der Tscheche aus IRGENDEINEM Grund in den Genitiv. Ja Genitiv. Nicht Dativ. Nicht Akkusativ. Nicht Ablativ. Nicht Vokativ. Auch nicht einer der anderen zwei, drei Fälle, die das Tschechische noch hat. Man stellt sich auch nicht auf den Kopf und wackelt mit den Ohren, oder klatscht nach jedem Satz rhythmisch das "Friends" Intro. Nein, man wechselt in den Genitiv.
Es sind also "sedm roku" (Kringel auf das u, mask.), "sedm minut" (fem.) und "sedm piv" (neutr.). Und auch das gilt in gleicher Weise für Uhrzeiten. WARUM AUCH IMMER. Am verstörensten ist die Beliebigkeit. Scheint fast so als hätte man das mit Absicht gemacht.

1: "Hey, sagt mal habt ihr nicht irgendwelche Ideen wie wir unsere - ohnehin schon völlig abgefahrene Sprache - noch ein bisschen kranker machen können?"

2: "Klar, lasst uns noch ein paar Diakritische Zeichen einführen!"

1: "Halt die Klappe Jan, davon haben wir genug - und überhaupt wolltest du nicht nach Konstanz?"

2:"Pfüh, ich geh ja schon..."

3:"Oh ich weiss was. Wir sollten beim Zählen irgendwann und ohne offensichtlichen Grund in den Genitiv wechseln."

1:"Hmmm... die Idee hat Potential. Mit Deklinationen rumzuwurschteln schreckt immer schön ab. Aber wo genau setzen wir den Genitiv an?"

4:"Sobald es Mehrzahl wird?"

3:"Ach Quatsch, viel zu durchschaubar... wie wärs mit Sieben, das ist ne super Zahl für solche Obskuritäten"

1: "Ne, Sieben is scheisse... und außerdem immernoch viel zu naheliegend!"

4 "Dann vielleicht drei?"

3:"Nepp zu klein, wie wärs mit sechs?"

1:"Wie kommste denn auf den Mist... ich wäre ja für vier!"

4:"Ja so eine saublöde Idee! Ich denke fünf ist viel obskurer!"

3:"Finde ich völlig nachvollziehbar!"

1:"Absolut überzeugend!"

Vielen Dank auch!

Morgen dann ENDLICH, HOFFENTLICH ENDLICH die Gelegenheit die letzten Unterschriften am International Office einzufahren und den ganzen Mist nach BA zu schicken! Argh! Außerdem das Nibelungenlied-Referat. Ein bisschen aus dem Nähkästchen über das plaudern was ich in den letzten vier Jahren in der Germanistik zu getrieben habe. Außerdem ist wieder Tschechischkurs für den ich noch nen sackvoll Vokabeln lernen sollte und am Abend natürlich wieder der soziale Höhepunkt der Woche, nämlich der Deutsch-Tschechische Stammtisch! :)

Christoph vs. the Ian Curtis cover

Dank des tschechischen Unabhängigkeitstages (byebye Habsburg!) war das letzte Wochenende also lang. Seeeeeeeehr lang. Es begann im Prinzip am Donnerstag Nachmittag, nach dem Tschechisch-Test. Der war im übrigen relativ simpel... aber natürlich hab ich mich im letzten Augeblick doch noch entschieden zwei Endungen anders zu machen, die natürlich dann falsch waren und vorher richtig gewesen wären... das kommt davon, wenn man das Zeug nur als ganze Sätze beigebracht bekommt und keine ordentlichen Konjugationstabellen vorgesetzt kriegt... Aber gut.
Danach sind wir zu dritt (mit den beiden Berlinerinnen) losgezogen, um ein Geschenk für die Finnin mit dem Pferdenamen zu kaufen, was dann in Form eines "The Shining" Poster recht schnell gefunden war. Die Feier unten in Hostivar war dann auch sehr schön eigentlich... nur hatte ich vorher nix Ordentliches gegessen und dann irgendwie zuviel Junk aufeinmal, weswegen ich mich verfrüht zurückziehen musste... Mann, war mir schlecht :P

Die drei Tage des Wochenendes habe ich realtiv faul zugebracht. Ich habe mein "Nibelungenlied" Referat vorbereitet (heißt: aus den Unterlagen der letzten vier Jahre und dem eingescannten Verfasserlexikon auf meinem Laptop zusammengesucht) und online gestellt, mit der allerschönsten Hutfrau geskypet (deren Besuch sich aus terminlicher Verplantheit meinerseits um eine Woche nach vorne verschoben hat - also auf Donnerstag!). Dann habe ich noch einige längere Spaziergänge in der Umgebung des Wohnheims und durch den Park des nahen Klosters unternommen. Sehr schön alles: Das Wohnheim ist in seiner baufälligen Erhabenheit größer als gedacht, das müssen fünf oder sechs, weit verteilte Blöcke sein. Nur manche haben vergitterte Fenster. Dazwischen liegen verwilderte Wald und Parkanlagen, es riecht nach feuchter Erde, schimmeligen Laub, faulen Äpfeln und einem Hauch von Hundekot! Es gibt ein großes, eingezäuntes Grundstück mit Stacheldraht auf den Zäunen, dicht bewaldet mit großen Toren, die sich automatisch öffnen wie schwere Limousinen aus dem nicht einsehbaren Inneren hervorkriechen und wer sich davon nicht abschrecken lässt, kann durch die dschungelartige Vegetation zu einer neonerleuchteten Tankstelle vorstoßen.
Der Weiher im Klosterpark hat einen sehr charmanten und schlecht kaschierten Betonrand, Plastikflaschen treiben gelassen darin umher und auch das Wasser selbst, scheint schonmal bessere Tage gesehen zu haben. Dennoch gefällt es mir sehr. Überall sind Familien unterwegs. Auf jeden (aufrecht gehenden, erwachsenen) Menschen kommen bestimmten vier Hunde und zwei Kinderwägen, welche die Parks und Wege bevölkern.
Tja und ansonsten... ansonsten habe ich vor allem seeeeeeehr viel (zu viel? Ich weiss nicht, ob das geht...) CHUCK geschaut. Habe gestern das Midseason Finale der Vierten Staffel erreicht, was mich sehr glücklich gemacht hat :). Wie ich an anderer Stelle schon einmal schrieb: Chuck ist gut für die Seele!

Einzige größere Aktivität war es am Freitag Abend mit der Finnin mit dem Pferdenamen auf das Konzert einer "Joy Division" Coverband namens "The Dead Souls" zu gehen. Das war in einem ziemlich abgefahren Klub in den Gewölben unter einem Altbau in der Altstadt mit spätgotischen Torbögen und allen. Der Klub war im Inneren vollgepflastert mit (originalen?) Paraphernalia, Relikten, Artefakten und Devotionalien aus kommunistischer Zeit und hieß entsprechend auch "Iron Curtain - Propaganda". Hinzu kam noch ein leichter Halloween-touch, immerhin stiegen hier das ganze Wochenende entsprechende Feiern. Meine Abneigung gegen derartige Verkleidungsrituale hat mich aber davon abzuhalten, da allzu entschlossen zu partizipieren.
Das Konzert (das mit gerade mal zwei Stunden Verspätung anfing - quasi Standard hier) hat überraschend Laune gemacht. Ich meine die Totenschädelschminke hätte sich die Band auch sparen können (jaja, das ganze "Dead Souls trifft auf Halloween"-Ding...:P), aber die Ian Curtis Imitation des Sängers war gar nicht mal so albern und unangemessen, wie man das vielleicht glauben möchte und sie waren klug genug DAS Lied auf das alle gewartet haben eben NICHT zu spielen. Wer also von Liebe entzwei gerissen werden wollte, musste an diesem Abend noch umdisponieren.
Fand ich aber gut. Die Interpretation der großen Klassiker einer nicht mehr existenten Band durch ihre jeweiligen Cover-Bands ist immer gefährlich. Klar, gut vorgetragen, kann man das Publikum leicht in einen extatischen Rausch versetzen und zum hymnischen Mitgröhlen verleiten, doch während die Coverband bei den weniger bekannteren Songs noch viel von sich selbst einbringen kann, wird die Darbietung eines solchen monolithischen Meisterwerkes immer nur geliehenen Applaus erringen, bzw. allzu offensichtlich machen, dass ALLER Applaus und Zuspruch den eine Coverband erhält, geliehen ist.
Zu keinem Zeitpunkt ist innerhalb des Performanz-Rezeptions-Spannungsfeldes bei einem Coverband-Konzert die Gefahr so groß, dass die Illusion implodiert. Der von beiden Seiten für diesen einen Abend geschlossene Substitutions-Konsens (Wir feiern euch wie die echte Band, ihr liefert uns Musik wie die echte Band) droht dann zu kollabieren und am Ende stehen alle als das da was sie eigentlich sind: Die Band als ein Haufen geltungssüchtiger Möchtgern-Rockstars, mit schlechten Kostümen und zweifelhafter Beherrschung ihrer jeweiligen musikalischen Aufgaben, die es mit eigener Musik und aus eigener Kraft nicht geschafft haben. Das Publikum als ein Haufen leicht verführbarer Zuspätgeborener, welche die Flucht aus ihrer verkorksten Generation in einem diffusen musikalischen Äquvalent zum "Früher war alles besser"-Gejammer, älterer Generationen, suchen.

Jetzt steht vor mit eine neue Woche. Die SECHSTE Woche in Prag! Am Dienstag halte ich mein Nibelungenlied-Referat, am Mittwoch steht die Midterm-Klausur am CIEE an. Außerdem muss ich immernoch den PIN von der Sparkasse im tiefsten Süden Prags abholen, meine Unterlagen nach BA zurückschicken UND mir einen elektrischen Rasierapparat kaufen. Der Schicke, den ich in BA hatte, erwies sich leider als nicht transportabel... Tja und dann wird am Donnerstag auch schon die allerschönste Hutfrau für fünfeinhalb Tage hier vorbeischauen und ich hab endlich einen Grund den ganzen touristischen Kram nachzuholen, den ich bisher noch nicht geschafft habe ;)

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Christoph vs. Václav Havel

Zu allem entschlossen bin ich gestern morgen losgezogen, um die letzte Unterschrift einzufahren, die ich nicht im International Office bekommen kann. Das hat dann überraschenderweise auch - fast - problemlos geklappt. Zunächst war an dem Lehrstuhl (Lehrstuhl heißt auf Tschechisch übrigens "katedra". Ist das geil oder ist das geil?) nicht ganz klar, wer da nun unterschreiben muss, aber am Ende hat dann die Dozentin selbst unterschrieben und das MUSS jetzt einfach reichen.

Danach war wieder Vorlesung "Böhmische Kultur im Mittelalter". Wieder wurde ein eigentlich grundsätzlich interessantes Thema "Offizielle Geschichtsschreibung am Hofe Karls IV." von der Dozentin derartig verlangweiligt, dass ich bisweilen gegen den Schlaf kämpfen musste. Ab nächste Woche macht das zum Glück ein anderer... Die Hoffnung auf Besserung stirbt zuletzt!

Auch die anschließende Vorlesung "Deutsche Literatur vor 1700" brachte nur Altbekanntes.

Danach wollte ich endlich zum International Office und die letzten Unterschriften abgreifen aber NATÜRLICH, gibt es ein neues Problem: Die für meine Unterschriften verantwortliche Dame hat sich entschlossen mal eben für ein paar Tage in den Urlaub zu gehen. Tatsächlich ist morgen Tschechischer Unabhängigkeitstag (Meint: Keine Uni, Kein Amerika-Seminar) und das nutzen viele wohl für ein verlängertes Wochenende... :P Auf jeden Fall stand ich wieder ohne Unterschriften da. Vor Montag brauch ich's auch gar nicht erst versuchen, spätestens am Dienstag ist die gute Frau aber "auf jeden Fall" wieder da! Nur sollten da die Sachen halt schon im schönen Bamberg eingetroffen sein. Jetzt werd ich da mal anrufen, auf höhere Gewalt plädieren und hoffen, dass es reicht wenn ich ihnen das Zeug am Montag erstmal als Scans zuschicke oder faxe, bis es dann mit der Post angekommen ist... :P Dass das nie ein Ende findet...

Im CIEE Kurs im Anschluss sind wird heute endlich zum 30jährigen Krieg vorgestoßen. Nächste Woche ist der midterm test, da wird also alles nochmal abgeprüft, aber er macht am Montag extra nochmal eine Wiederholung von allem was wir so gemacht haben und er meint er bringt auch nur das dran, was er in der Wiederholung - ja - wiederholt... von daher, mach ich mir da jetzt mal nicht zuviele Gedanken...

Oh Geld hab ich auch abgehoben. Ich glaube ich hab mich hier noch nicht darüber ausgelassen, dass die ATMs hier das Geld immer SO GROSS WIE MÖGLICH ausspucken. Wer sich also 4000 CZK (etwas zwischen 160 und 170€) auszahlen lässt, bekommt das in genau zwei Scheinen... das nächste mal, wenn ich im Supermarkt also für 132 CZK Lebensmittel einkaufe, darf ich mich wieder auf verdrehte Augen und genervte tschechische Diskussionsversuche freuen. Die tun immer so als würde man sie zwingen ihr Klo mit ihrer besten Krawatte zu putzen, wenn man ihnen mal ein bisschen mehr Geldgewechsle zumutet... saunervig!

Am Abend hab war ich dann mit der Schweizer Mathematikerin (deren Buch über die "Grundlagen der Algebra" [auf Tschechisch] ich kurz überflogen habe... das nächste mal greife ich dann doch lieber wieder zum guten, alten "Book of Vile Darkness", da sind die Alpträume danach weniger verstörend... oder hat jemand gerade ein "Necronomicon" zur Hand?) zum Tschechischen Filmabend. Es lief "Citizen Havel" eine sehr launige Dokumentation über Václav Havel: Der war nicht nur letzter President der Tschechoslowakei und erster der Tschechischen Republik (für zwei Amtszeiten), vorher Dissident während der Sowjet-Ära (saß deswegen auch insgesamt 5 Jahre im Gefängnis), sondern auch Schriftsteller, Dichter und "Playwright" (Gibt es da ein deutsches Wort für? Dramatiker? Stückeschreiber?). Er war maßgeblich beteiligt, um nicht zu sagen verantwortlich, für die "Samtene Revolution" (die gewaltlose Bewegung welche 1989 das Sowjetregime in Tschechien in die Knie zwang) und die Auflösung des Warschauer Paktes. Eine ganz außergewöhnliche Person also, welche die jüngste Geschichte dieses Landes wie keine Zweite geprägt hat und die Doku hat das schön wiedergegeben indem sie sich aber v.a auf Szenen des Alltags bzw. hinter der Bühne konzentriert hat. Das aber ohne in anheimelnde "Schau, der ist einer von uns"-Propaganda abzugleiten (Wir erinnern uns an Helmut Kohl in seinem Garten...), sondern ein sympathisches und gleichzeitig authentisches Bild von diesem Mann zu zeichnen. Die historischen Ereignisse welche ihn von 1993 bis 2003 umgeben, werden dabei oft nur angerissen und oft ohne Erläuterungen wieder fallen gelassen. Der Fokus liegt auf Havel und den Menschen in seiner Umgebung, wie sie die Situationen seines präsidialen Lebens lösen... oder auch nicht. Vom Kampf mit nicht passenden Hosen und Jacketts vor wichtigen Fototerminen, über Wutausbrüche angesichts des Jugoslawienkrieges, bis hin zum ermüdenden Feilschen um Formulierungen und Absichtserklärungen und sehr persönlichen Epsioden wie dem Tod seiner ersten Frau oder seinen Krebsoperationen (der Mann war... ist [? er lebt nicht, aber raucht er noch?] Kettenraucher) ... wirklich ein beeindruckendes Stück Dokumentation.

Zum Schluss bleibt noch festzuhalten, dass ich mir - bei aller Vorfreude - heute Abend nicht den Shakespeare-Film anschauen können werde. Wurde zu einem Geburtstag eingeladen. Verdammtes Sozialleben! Geschenke muss ich jetzt auch noch kaufen... ;)

Jetzt muss ich erstmal Tschechisch lernen. Der erste Zwischentest steht heute an und will mich nicht völlig blamieren. Also Nase ins Buch, Zeug ins Hirn, Zeug aufs Blatt und danach hoffentlich nicht sofort wieder vergessen...