Dienstag, 15. November 2011

Christoph vs. the remains of the day

Was hat sich ansonsten noch in den letzten Tagen so zugetragen? Zeit für eine Collage ungeordeneter Erinnerungsfetzen:

- Donnerstag Abend bis Samstag Abend war ich tagsüber auf dem Blockseminar "Obscuritas in the Middle Ages". Drei Dozenten (Tschechien, Ungarn, Italien) haben in mehreren Blöcken v.a. Rätsel als obskure Schlüssel zu Konstitution von exklusiven Gruppen vorgestellt bzw. haben Obskurität als Problem beim Übersetzen aus dem Griechischen ins Lateinische und die damit verbundene Diskussion von Quintillian, über Hieronymus bis Leonardo Bruni vorgestellt. Beides erwies sich als ziemlich interessant und ließ sich überraschenderweise auch recht gut verzahnen. Besonders abgefahren fand ich die Isländische Skaldendichtung, die eine sehr metaphorische Sprache pflegt (Kenning). Ein Beispiel:

GAETIR GEIRASTÍGS: GAETIR ist der Wächter, GEIRA das Schwert, STÍGS meint Pfad. Wir haben also den Wächter des Schwertpfades. Nun muss man Schwertpfad als Schlachtfeld erkennen und man hat den Wächter des Schlachtfeldes und das wäre? Richtig, der "Krieger". So oder so ähnlich, sind die dann aufgebaut. Weiteres Beispiel, vom berühmtesten aller Skalden Egill Skalla-Grímsson:

That maelti mín módhir
at mér skyldi kaupa
fley ok fagrar árar,
fara á brott medh vikingum,
standa uppi stafni,
stýra dýrum knaerri,
halda svá til hafnar,
höggva mann ok mannan.

Frei übersetzt bedeutet es etwa: "Meine Mutter sagte mir ich sollte mir ein schickes Schiff und tolle Pferde kaufen, es mit Wikingern bemannen, und das wertvolle Schiff in einen Hafen steuern um dort den einen oder anderen Mann zu Mann zu töten". Also ganz lebensnahe Tipps von der Wikingermama an ihr Kleines... in your face Wickie! Außerdem vermute ich Ansätze zu einem frühen "Deine Mudder..."-Witzchen...

Das andere bemerkenswerte war eine hahnebüchene Theorie des italienischen Profs an dessen Ende er im Prinzip behauptete, dass Wolfram von Eschenbach, wegen ketzerischen Gedankenguts im Parzival, fast von der Inquisition verbrannt worden wäre. Da musste ich dann intervenieren, weil das.... das war einfach.... das ging einfach... das ging einfach zu weit. Aus einer Reihe von im Grunde nachvollziehbaren Annahmen
konstruierte der dann eine geradezu atemberaubende Ereigniskette: Wolfram war durch Robert de Boron beeinflusst, der Wiederum durch die Katharer, Wolfram nimmt also unreflektiert und ohne es zu wissen katharisches Gedankengut in seine Gralsthematik mit auf, das fällt den mächtigen Franziskanern/Dominikanern (?) am Hof des thüringischen Landgrafens auf, an dem Wolfram sich befindet, die weisen ihn darauf hin, Wolfram muss sich innerhalb seines Textes selbst revidieren - er lässt Trevrizent die frührere Beschreibung des Grals als "Unwahrheit" darstellen und ihn dann eine orthodoxere Beschreibung nachliefern - weil ihm - also Wolfram - sonst ein Ketzerprozess drohte.
Ja richtig! Warum auf Textebene nach einer intradiegetischen Erklärung suchen, wenn man auch so eine bizarre Kopfgeburt ausbrüten kann, um es zu erklären und es einem noch dazu in den akademischen Quark passt. Nochmal: Wir wissen next to nothing über Leben und Arbeiten Wolframs von Eschenbach, außer das was er in seinen Texten schreibt und von der Problematik aus literarischen Texten auf historisch-biographische Einzelheiten des Autors schließen zu wollen, fang ich hier gar nicht erst an. Und jetzt zaubert dieser Italiener diese abenteuerliche Geschichte aus dem Hut. Ich muss sagen ich war erstmal sprachlos. Hab dann ne Weile mit ihm rumverhandelt, bis er am Ende eingeräumt hat, dass es natürlich keinerlei Beweise oder auch nur seriöse Hinweise auf diese Theorie gibt... abzubringen war er davon nicht und ich könnte mich immernoch furchtbar drüber aufregen. Das es den Leuten so schwer fällt einfach mal zuzugeben, wie wenig wir eigentlich wissen und wissen können und sich immer verpflichtet fühlen, das ohne harte Anhaltspunkte derartig fantasievoll auszuschmücken...
Aber gut. Ansonsten war das Seminar sehr spannend und interessant und ich muss jetzt bis Sonntag einen Kursbericht schreiben, wenn ich meine Punkte haben will... mal sehen inwieweit ich diese Theorie berücksichtigen werde... :P

- Samstag und Sonntag durfte ich dann dankenswerterweise der Schweizer Mathematikerin helfen ihren internationalen Besuch zu bespaßen. Eine improvisierte Führung über den Altstädter Ring brachte überraschend viel hervor, ich war ENDLICH mal auf dem Alten Jüdischen Friedhof (sehr beeindruckend) sowie in der Pinkas- und der Altneusynagoge. Die anderen (Maisel, Spanische und Klaus) kommen auch noch dran, das Ticket ist noch bis nächste Woche gültig. Später haben wir es sogar noch auf den Altstädter Rathausturm geschafft! Spitzenaussicht, Spaßiger Aufzug mit Spiegel an der Decke was natürlich zu fotographischen Alberheiten einlud. Aber langsam lichtet sich das Feld der touristischen Sachen, die ich noch unbedingt hier machen muss... Ach ja, die Leuten waren auch sehr nett ;). Zwei Niederländerinnen wurden zu meinen persönlichen Heldinnen, als sie anlässlich einer kurzen Orientierungsverwirrung bei der Suche nach der nächsten Tramstation sangen "Where do we go from here?" und damit Gesprächsstoff für die nächsten eineinhalb Stunden lieferten... und dann war da noch die Sache mit dem Kinn... :P

- Habe gelernt, dass "Vêtrník" der Stadtteil in dem ich wohne und nachdem auch mein Wohnheim benannt wurde "Windrad" bedeutet. Ist das nicht süüüüüß?

- Der zweite Tschechisch-Text gestern lief ganz ok. Hab wohl wieder zu viele Leichtsinnsfehler gemacht... bin diese Art von Leistungserhebung nicht mehr gewohnt.... ;)

- Wir haben jetzt mit dem Akkusativ angefangen. Langsam, ganz langsam bekommen wir es mit seriöser Grammatik zu tun.

- Habe endlich das Finale von Staffel Vier von "Chuck" geguckt... Allerschönst, herzerwärmend, wunderbar unterhaltsam und ein John Casey in Hochform: "Russians! So many russians!"

- Am Montag war ich mit zwei ERASMUS-Damen im Kino und zwar in "Midnight in Paris" von Woody Allen. Ein sehr putziges, harmloses Filmchen mit einer lustigen Plotidee, um die zu goutieren man wohl ein größerer Paris-Narr (v.a. 20er Jahre & Belle Epoque) sein muss als ich es bin... aber die Inszenierung der auftretenden historischen Persönlichkeiten und Künstler waren köstlich amüsant und machen den Film ziemlich sehenswert... d.h. wenn man ein weiteres herbeigezaubertes und über Knie gebrochene Happy-End verkraften kann...

- Das Wetter in Prag war die letzten Tage knackekalt und sehr, sehr neblig! Man konnte z.T. kaum weiter als 10m sehen.... v.a. für den Taiwanesischen Zellengenossen ein klimatischer Kulturschock (?) "Is it going to be like that all winter? I've never seen snow before.... is that snow?".

- Es steht wieder ein langes Wochenende bevor. Das dritte in diesem Semester, so kann das gerne weitergehen... ;). Werde auf jeden Fall mal noch die übrigen Synagogen auf meinem Ticket abklappern, dann gibt es noch einige Zweigestelle der Narodní Galerie, die ich noch nicht gesehen habe (Antike, Barock, Moderne) mal sehen, ob ich mich motivieren kann und ob ich jemanden finde, der leichtsinnig genug ist mit mir in ein Museum zu gehen...

Was habe ich heute/die letzten Tage gelernt: Ganz ehrlich, ich glaube ich habe die letzten Tage mehr über das Leben, das Universum und den ganzen Rest gelernt als in den zwei Jahren zuvor...

Was ich gerade höre: Fragt mich nicht, wie ich dazu gekommen bin, aber irgendwie bin ich gerade bei System of a Down gelandet... However did that happen??? Ansonsten hab ich die letzten Tage noch viel The Killers gehört (vgl. letzter Eintrag), Tegan&Sara und natürlich Muse (und ja, ich weiss, dass das ein Cover ist).

2 Kommentare:

  1. na er ist halt italiener!
    was erwartest du da, er wird nicht anders können. und wen interessieren schon beweise, pfff!

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  2. WUUAH!
    Ich finde das total unfair, dass du unter irgendwelchen Unbekannten von der Straße Leute findest mit denen du the talk talken kannst und ich die verfluchten Medienwissenschaften studieren muss und den Leuten trotzdem noch erklären muss wer Joss Whedon ist! Geschweige denn, dass einer von ihnen den Hero of Canton erkennt!
    Ouh, destiny! Thou art a heartless bitch.

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