Mittwoch, 21. Dezember 2011

Christoph vs. the christmas presents

Morgen geht es wieder für eine gute Woche ins lauschige Oberfranken, um dort im Kreise der Familie gar beschaulich die Feiertage zu verbringen. Oder, um des mit den Worten des Gärtners zu sagen: "HÄUFLA!" ;).

Nur kurz was die letzten Tage noch so gelaufen ist. Es war ja am Ende recht stressig geworden, aber ich denke es lief am Ende alles ganz gut. Der CIEE Test war faktisch auch ohne gelernt zu haben mehr als machbar. Ein paar Sachen wusste ich aus eben diesem Grund schlicht nicht, aber für eine Klausur in der ernsthaft Fragen wie "Wer war der ersten Präsident der Ersten Tschechoslowakischen Republik" gestellt werden, weigere ich mich einfach zu lernen :P (Zur Frage: Es war Tomáš Garrigue Masaryk. Und das ist etwa so wie in Dtld. zu fragen: "Wer regiert Dtld. von 1933 bis 45." Auf jedem Platz der groß genug ist, um dort ne Klobasa-Bude aufzubauen, steht eine Statue von ihm...). Auch den Essay hab ich dann am Abend noch durchgerissen und ihn Punkt 00:00 Uhr an den Dozenten verschickt. Ein großes UFFZ an dieser Stelle. Hatte vorher im Kurs gesehen, was sich die Amis unter einem Essay (wörtlich "Versuch";-) vorstellen und musste feststellen, dass ich mir natürlich viel zu viel Arbeit gemacht hab. Die schreiben halt Erörterungen und haben am Ende drei Zeitungsartikel und fünf Internet-Seiten gelistet. Fußnoten? Wiebittewas? (Unnötig zu erwähnen, dass ich natürlich in49 Fußnoten großzügigst mittellateinische Quellen aus der MGH zitiert habe. Das ist etwa so wie mit einer F-22 zu einer Kneipenschlägerei aufzutauchen...;-))

Am nächsten Mittag stand dann auch schon der Tschechisch-Test an und weil ich natürlich mal wieder nicht aus dem Bett kam hatte ich als ich endlich einen ruhigen Ort zum Lernen gefunden hatte, noch etwas mehr eine Stunde Zeit mir das nötigste ins Hirn zu jagen.
Man muss sagen, dass die Klausur zwar ziemlich umfangreich war (vier Seiten, fast 20 Aufgaben), aber wir sehr gut vorbereitet worden waren. Zum Teil fast 1:1 die Aufgaben, die wir vorher geübt hatten. Von daher war das auch mit meiner minimalistischen Vorbereitung mehr als machbar und ich habe ein dickes, fettes "A" bekommen ( = 1). Jetzt muss ich nur noch viereinhalb Jahre hier wohnen, dann kann ich mich einbürgern lassen ;).


Im Anschluss sind Bears und ich fleissig Weihnachtsgeschenke shoppen (tschech: nakupovat :-)) gegangen und haben tschechische Weihnachts/Winterspezialitäten verköstigt. Räucherkäse und Gulaschsuppe haben wir uns selber zugeführt. Außerdem sieht man jetzt an jeder Ecke Stände mit großen Zubern an denen man lebendigen Karpfen kaufen kann. Entweder lässt man ihn sich vor Ort umbringen und zerlegen und fertigt sich dann zu Hause was leckeres draus, oder man nimmt ihn lebendig mit nach Hause, wo es zwei mögliche Schicksale für ihn gibt. Entweder verbringt er dann bis Weihnachten seinen Lebensabend in der Badewanne fristen darf, bevor er von der Dame des Hauses fachgerecht enthauptet, ausgenommen und zubereitet wird. Oder die Kinder des Hauses verlieben sich Hals über Kopf in das große, schuppige Blubbermaul und adoptieren ihn, bis es dem Papa zu dumm wird und er ihn entweder trotzdem schlachtet oder der Kinder wegen, im nächsten Weiher aussetzt, wo er es sich dann nochmal ein Jahr gut gehen lassen kann. Ist auf jeden Fall angeblich super-tschechisch und geht auf die Zeit zurück als die Habsburger in jedem Dorf Karpfenweiher haben anlegen lassen, damit sich die Dorfgemeinschaft quasi autark ernähren kann.
Link
Ja Geschenke hab ich auch ein paar zumindest gefunden, allerdings werd ich morgen, bevor mein Bus fährt nochmal ran müssen :P. NERVIGST!

Im Anschluss waren wir dann nochmal auf dem Stammtisch, der wie immer sehr spaßig war. Natürlich war diesmal aber - neben den üblichen "Oberflächligen linguistischen Diskussionen" (Drei-Bücher-Philosoph") - der Tod von Havel das große Thema. Offenbar war der Mann innenpolitisch nicht unumstritten und bei allem Charisma und unpolitischen Anspruch, musste er doch seine Zugeständnisse an die berühmten "realpolitischen Sachzwänge" machen. So befürwortete er nicht nur den Krieg in Jugoslawien und Afghanistan, sondern auch im Irak! Außerdem hat der Drei-Bücher-Philosoph Bears und mich gemeinsam mit seiner Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief zu Silvester auf eine Datscha etwas außerhalb eingeladen. Alleine mitten im Wald! Zudem soll es bis dahin auch Schnee haben! Klingt zum kotzen romantisch!

Heute hat Bears sich dann in Richtung Bern verabschiedet was das zarte Pflänzchen unserer hoffnungsvollen Beziehung der Belastungsprobe von acht Tagen Trennung aussetzt! Mit herzzerreissender Abschiedsszene am Bahnhof, Winken mit dem Taschentuch und dem Zug hinterherlaufen bis der Atem ausbleibt und allem! (Ja gut, ich übertreibe... ein bisschen zumindest... ;))
Ihr nicht unumfangreiches Gepäck zunächst aber mal zum Hauptbahnhof zu bringen gestaltete sich als mittelschwere logistische Herausforderung, die wir Dank der Kooperation des öffentlichen Prager Nahverkehrs aber ganz gut überstanden haben...

Das wars jetzt fürs erste mal. Vielleicht auch schon für den Rest des Jahres, weiss nicht wie schnell ich, wenn ich vor Silvester wieder hierher komme, nochmal zu schreiben komme. Zumal mein Heimaturblaub hier wohl eher keine Rollen spielen wird (und sollte). Ich werde morgen in jedem Falle noch meine Sachen packen, meine Wohnheim-Zelle in Ordnung bringen, Einsicht in meine Tschechisch-Klausur nehmen und hoffentlich die noch fehlenden Weihnachtsgeschenke auftreiben, ehe ich mich am Abend in den Bus nach Nürnberg setze :). Und dann sehe ich die meisten von euch hoffentlich wieder live und in Farbe :)

Těším me!
Kryštof

Montag, 19. Dezember 2011

Christoph vs. the black flag

Schwarze Trauerfahnen überall an der Prager Burg, am Nationalmuseum, an Schulen und öffentlichen Gebäuden. Alles andere auf Halbmast. Verwirrte Touristen, die nicht verstehen was gerade passiert und Tschechen mit Tränen in Augen in der Tram und auf dem Wenzelsplatz.

Václav Havel (habe vor einigen Wochen über ihn geschrieben) ist tot und Tschechien nimmt sich das seeeeeeehr zu Herzen. Wir waren gestern auf einer spontanen, recht unoffiziellen Trauerkundgebung am Wenzelplatz, wo sicherlich einige Tausend Leute waren. War sehr berührend, auch wenn natürlich alles auf Tschechisch war und ich daher nicht wirklich etwas verstand. Die Rituale, die sich mit Havels Wirken in den späten 80ern verbinden wurden aktualisiert: Man sang die Nationalhymne, es gab "Havel na Hrad!"-Rufe und die Leute haben mit ihren Schlüsselbündern gerasselt. Alles Formeln der Samtenen Revolution, die im wesentlichen Havels Verdienst waren.
Auch für mich, der ich solchen Dingen ja innerlich eher fern stehe, doch beinahe ergreifend. Nun kommt Bears' Familie ja zur Hälfte aus Tschechien und es war schon sehr besonders so hautnah mitzubekommen, wie von Tschechen oder in Tschechien der Tod dieses Mannes aufgenommen wurde. Ich glaube nicht, dass es in Dtld. jemanden gibt, dessen Tod ähnliche Reaktionen hervorrufen würde. Havel war für die Tschechen ein Landesvater wie für die Deutschen Adenauer oder Brandt, eine moralische Instanz wie von Weizsäcker, dabei gleichzeitig für die jüngste Geschichte des Landes (Ende der Sowjetunion, Teilung in Tschechien und Slowakei, Westanschluss des Landes) so prägend wie für unsereins vielleicht Heimut Kohl! Und dann ist man noch nicht mal dabei angekommen, dass er auch noch ein einflussreicher und gefeierter Autor und Dramatiker war.

Auf jeden Fall hab ich das die letzten 24 Stunden hier sehr intensiv erlebt, die Medien sind voll davon und die nächsten Tage wird er in der Burg aufgebahrt, damit die Tschechen Abschied nehmen können. Tatsächlich waren wir gestern noch bei einer anderen Veranstaltung auf Kampa an der Moldau. Es brannte ein Feuer, es waren einige Hundert Leute da und sie haben gesungen und abwechselnd von ihren Erinnerungen an Havel gesprochen. War eine ganz merkwürdige Atmossphäre. Immer wieder gab es Zwischenrufe und die Leute haben laut gelacht, wie über einen geteilten Scherz. Ich habe natürlich kaum etwas verstanden und auch mit Bears' Übersetzung nur einen unvollständigen Eindruck erhalten, von dem was da geschieht. Dennoch war die Stimmung sehr besonders, man hatte den Eindruck alle würden einen gemeinsamen Freund begraben, jemand zu dessen Andenken und Leben jeder eine sehr persönliche Beziehung hat, die weit über staatsbürgerliche Betroffenheitsübung und patriotische Reflexe hinausgeht. Durch und durch bemerkenswert!
Wenn heute Helmut Kohl oder Richard von Weizsäcker stürbe, glaube ich kaum, dass mich das so beschäftigte, wie jetzt hier der Tod von Havel.

Vom Hauch der Geschichte, der hier gerade allerorten weht einmal abgesehen war die letzte Woche ziemlich umtriebig.

- Meine Recherche nach Büchern für meinen Essay hat mich durch die gefühlte Hälfte der 40 Teil- und Kleinstbibliotheken der Karlsuni geführt. Anstregend und oft frustrierend, dafür kenn ich mich jetzt in dem labyrinthischen Unikomplex zwischen Zeletná und Ovocný Trh (Was erstaunlicherweise nichts anderes als "Obstmarkt" bedeutet. Bzw. wörtlich eigentlich "Öbstlicher Markt") ganz gut aus. Und den Aufsatz nachdem ich so verzweifelt gesucht habe, hab ich auch gefunden. Yay!
Die Leute von der Geschichte hier sind im übrigen sehr nett, super-hilfsbereit und sprechen alle zumindest ausreichend gut Deutsch. Stellt sich heraus, dass sie eine Deutschprüfung ablegen müssen, wenn sie Geschichte studieren wollen! Offenbar ist die Forschung zur Geschichte Tschechiens bzw. Böhmens einfach so lange von Deutschen bzw. Deutschsprachigen geprägt worden, dass es einfach notwenig ist.

- Außerdem hab ich mit endlich ein Karlsuni T-Shirt gekauft, das ganz unbescheiden"Est. 1358" verkündet! War ja der eigentliche Grund hierherzukommen: Behaupten zu können an der ältesten Uni Mitteleuropas (südlich von Oxford, östlich von Paris, nördlich von Bologna) studiert zu haben und mir ein Hemd zu kaufen, dass das zweifelfrei belegt! Another Yay!

- Wir waren Donnerstag im "Besuch der Alten Dame" von der Theatergruppe der Germanistik hier. War eine sehr putzige Umsetzung und hat natürlich zu massiver Nostalgie meinerseits geführt. Irgendwie hab ich dieses Semester den Aufsprung verpasst, aber für nächstes Semester hab ich mich jetzt schon mal angemeldet. Ich werde also endlich, endlich, endlich mal wieder Theater spielen! And another Yay!

- Habe vor einigen Wochen schon einer Bekannten des Drei-Bücher-Philosphen (Wegen ihres sehr, öhm... freizügigen Facebook-Fotos seither im internen Diskurs nur noch als "Die Nackte" angeprochen - und Nein sie ist nicht auf meiner Liste, also braucht ihr nicht sofort losziehen und gucken...;)) dabei geholfen "Grenzverkehr" einen Film in dem tiefstes Bayrisch gesprochen wurde mit Untertiteln zu versehen. Ich übertrug das gesprochene Bayrisch also in Hochdeutsch und sie das Hochdeutsch dann ins Tschechische. War ganz witzig, wenn auch manchmal etwas merkwürdig, wenn man nach einer völlig unschuldigen Nachfrage erklären musste was "wixen", denn nun eigentlich genau bedeutet... in jedem Falle dürfte ich das Vokabular der Nackten deutlich erweitert haben... wenn auch wohl nur recht eindimensional.

- Vorletzte Woche oder wann das gewesen sein mag, war ich mit den ERASMUS Damen im Kino. Haben uns "Immortals" in 3D gegeben. An und für sich ein Film für die Tonne, wenn es nicht die wirklich sehenswerten Kampfszenen gäbe. Wie Zeus, Athene und Poseidon sich durch die sehr orkig geratenen Titanen schnetzeln ist optisch schon packend. Besonders beeindruckend war aber Ares der mit seinem Kriegshammer in Zeitraffer unter die wie erstarrten Feinde fährt und links und rechts blutige Blumen aus ihren Schädeln erblühen lässt. Durchaus innovativ und interessant, wie die gesamte Optik des Filmes, die offensichtlich durch Caravaggio-Gemälde und REM Muskvideos (kann man das im GEMA-Geiselland Dtld. sehen?) ispiriert wurde. Allerdings hätte ich nichts vermisst, wenn der Film NUR aus solchen Szenen bestanden hätte. Das bisschenHandlung zwischrein, als Entschuldigung den Helden nun in den nächsten Kampf zu schicken, hätte man sich konsequenter- und ehrlicherweise auch gleich ganz sparen können.

- Eigentlich hab ich grad gar keine Zeit. Mein Essay muss bis heute um Mitternacht fertig werden und ich muss noch die gesamten Beziehungen zwischen den deutschen Königen und den böhmischen Herzögen um 1200 nachzeichnen. Drei Seiten gilt es noch zu füllen, dann ist das Minimalziel erreicht und ich habe einen zehnseitigen Essay im wesentlichen in 48 Stunden durchgeprügelt. Außerdem ist heute Abend Abschlussklausur im CIEE und ich habe noch NICHTS dafür gelernt. Werde daher gleich ins Clementinum gehen und weiterschreiben bzw. anfangen zu lernen. Zudem ist MORGEN ja auch noch Abschlussklausur Tschechisch und wann ich das bitte lernen soll hat mir auch noch keiner verraten...

- Wird Zeit für die Feiertage! Freu mich auf die Heimat!

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Christoph vs. the battlefield

Meine Fresse was für eine Wochenende! Tag und Nacht verschwommen, Zeit und Raum hörten irgendwann auf eine Rolle zu spielen und wann gestern aufhörte, ob heute nicht eigentlich schon morgen, oder gestern nicht eigentlich schon vorgestern war, wurde zunehmend unklar.

Es begann mit hohem Besuch aus Bamberg. Als einzige der groß angekündigten WG-Delegation hat es dann doch das Frollein D. geschafft - wenn auch nur für wenige Stunden - im schönen Praha vorbeizuschauen. Nach einem ausgedehnten Spaziergang durch die wichtigsten Ecken (Hradcanská, Malá Strana, Karlsbrücke, Uni, Altstädter Ring, Namestí Republiky, Wenzelsplatz, Clementinum) haben wir dann Bears von ihrer Mathe-Schicht in der Biblithek desselbigen erlöst, um dann in Zizkov an bewährter Stelle angemessen tschechisch zu Abend zu tafeln und Bier zu verköstigen (geht einfach nichts über Master-Bier... außer vielleicht Kozel... oder Bernard...). Danach dann noch eine Runde ins K4, wo sich eine studentische Bastelgruppe breit gemacht hatte (Erläuterung: Das K4 ist eigentlich eine ganz coole Kneipe, gut vor Touristen und anderen Ahnungslosen Publikum unter einem Unigebäude versteckt. Eigentlich soll es dort, nach Worten Bears' "normalerweise" sehr cool sein, aber irgendwie scheint nie "normalerweise" zu sein, wenn wir dort aufkreuzen. Von Senior-Rockbands, über Vorträge zu Genese des gay-pornos, über obskure Nikolaus-und-Hundefutter-Parties, bis hin zu Bastelgruppen, haben wird dort schon alles beobachten dürfen...).
Da das Frollein D. am nächsten Tag um 13.30h bereits wieder in Würzburg (also im tiefsten Deutschland) am Bahnhof sein musste, hab ich sie am nächsten morgen - mit kaum vier Stunden Schlaf - in meinem Wohnheim abgeholt und zum Bahnhof eskortiert, nur um mich danach wieder in Bears' Wohnheim einzuschleichen, wo dann versucht wurde ein bisschen Schlaf nachzuholen, was den Tag völlig fragmentierte. Besser wurde es nicht dadurch, dass wir Abends auf so eine Art Privat-Seminar der "Hm-es-ist-kompliziert-Freundin" des Drei-Bücher-Philosophen eingeladen waren (Im Folgenden: Die Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief!). Es ging darum wie Sprache unser Denken beeinflusst - natürlich auf Tschechisch. Während Bears daher gleich zu Beginn hinging, entschloss ich mich erst zum gemütlichen Teil des Abends nachzukommen. Allerdings war ich dann doch - trotz großzügiger Zeitplanung - zu früh da und habe mir noch zwei tschechische Vorträge anhören können in denen es wohl um nordische Mythen (u.a. um die Länge des Nibelungenliedes) ging und zum Höhepunkt den des Drei-Bücher-Philosophen, der sich an einer Volkspsychologie der Deutschen Sprache versuchte, und natürlich zu dem Schluss kam, dass die Deutsche Sprache einen intrinsischen Ödipuskomplex hat mit Hitler als ridiküler Vaterfigur. Weil man ja nicht über die Deutsche Sprache und Kultur diskutieren kann und darf ohne wenigstens einmal Hitler als Ursache, Ergebnis oder am besten beides gleichzeitig zu präsentieren :P.
Die Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief, hatte mir, um mich über die mir unverständlichen tschechischen Vorträge hinweg zu trösten, ein bisschen leichte - deutsche - Lektüre in die Hand gedrückt: Der Briefwechsel von Freud und Jung neu ediert und zusammengestellt. Überraschend spannend :P.
Wie dem auch sei, nach dem erhellenden Vortrag des Drei-Bücher-Philosophen begann mit einem riesigen Topf Chilli der gemütliche Teil des Abends. Die Erinnerungen verschwimmen ab diesem Punkt zunehmend. Ich erinnere mich nur noch an einen wachsenden Berg Weinflaschen, eine beherzte Sammelaktion, um noch mehr Wein kaufen zu können, als die Vorräte sich dem Ende zu neigten, an den Drei-Bücher-Philosophen der sich als überraschend begabter Gitarrespieler und Sänger erwies, als er kommunistische Kampflieder anstimmte und dann das langsame hinübergleiten in einen Dämmerzustand so ab 5 Uhr am Morgen. Gegen halb zehn erwachte ich mich Weinkater im Kopf, Muskelkater in den Beinen und in Embryonalstellung zusammengekauert vor dem Sofa auf dem Bears sich inzwischen breit gemacht hatte und mich im Laufe der "Nacht" (Wann auch immer die stattfand) gänzlich verdrängt hatte. Die Wohnung glich einem Schlachtfeld, die gefallenen Alkoholbehältnisse gingen in die Hunderte und lagen überall verstreut umher, wie die Körper in treuer Pflichterfüllung niedergeschossener Soldaten. Weißgraue Asche und der Gestank von erkaltendem Rauch lag beissend über dem erschütternden Panorama, das sich mir bot, als ich mich aus meinen Fleece-Decken wurstelte und ich hätte mich nicht über das Wrack einen rauchenden Kampfpanzers im Flur gewundert. Vor meiner Nase lag jedoch nur ein Schlüssel mit einem Zettel der uns anwies uns doch selbst rauszulassen, sobald wir wach seien, während der Drei-Bücher-Philosoph den Geräuschen nach, die aus seiner Kammer tönten, gerade in seinen Träumen gerade begann die ersten Anzeichen eines ernsten posttraumatischen Stress-Syndroms zu bekämpfen. In der Küche fand ich dann ein gänzlich menschliches Opfer der letzten Nacht, auf der Schlafcouch daniedergestreckt, schnarchend vor. Bears und ich haben uns dann so gegen Mittag aus der Wohnung gelassen, um uns irgendwo, irgendwas zu Essen zu suchen, was dann auch irgendwie erfolgreich war, auch wenn es am Ende nur darum ging, schnell wieder in ein ordentliches Bett zu kommen, um zumindest noch ein bisschen seriösen Schlaf zu bekommen.
Zurückblickend komme ich nicht um den Eindruck herum, dass dieses Wochenende irgendwie mehr als drei Tage und zwei Nächte hatte... es war im bestenes Sinne des Wortes "very weird". Solche Tage (und Nächte) sind es die meine Zeit hier unvergesslich und zu einem großartigen Erlebnis machen. Danke an alle beteiligten, es war eine Ehre, ein Vergnügen und nur manchmal ein bisschen merkwürdig ;).

Ansonsten:

- Aufgrund organisatorischer Verwirrungen seitens des Dozenten, hat sich der Abgabetermin für mein Paper um zwei Tage nach vorne verschoben! Yay! Einige Aufsätze habe ich schon aufgespürt, ein paar weitere werde ich jetzt einsammeln. So etwas wie einen OPAC mit Internetausleihe scheint es hier nicht zu geben, dafür nicht weniger als 20 Departmental Libraries über die ganze Stadt verstreut, in denen ich mir jetzt meine hoffentlich hilfreichen Titel zusammen suchen darf :P. Montag Abend muss das Ding fertig sein: 10 Seiten. Bisher hab ich nur kopiert und recherchiert :P. Es läuft auf ein langes Wochenende im Lesesaal des Clementinums hinaus...

- Bears und ich planen/planten einen Feuerzangenbowle-Abend für den Drei-Bücher-Philosophen und die Tschechin, deren Antlitz der Schiffe Tausend rief. Gerade droht er jedoch an deren strammen Stundenplan zu scheitern...

- Am Donnerstag wird hier Goethe-Institut von einigen Deutschen und Tschechen, die ich vom Stammtisch her kenne, "Der Besuch der Alten Dame" von Dürrenmatt gespielt. Leider war ich dieses Semester zu spät um selbst mitzuwirken (nächstes mal!), aber wir werden uns das auf jeden Fall ansehen!

- Außerdem geplant ist ein Besuch in der Ceska mse vánocní von Jan Jakub Ryba, weil man das hier zu Weihnachtszeit eben so macht.

- Mittwoch in einer Woche entschwindet Bears nach Bern. Ich einen Tag und eine Klausur später ins lauschige Oberfranken! Yay, Weihnachten! :P

Donnerstag, 8. Dezember 2011

Christoph vs. the gamechanger

"The game changer is the introduction of an element that significantly alters the current course of the story or event" Aus: tvtropes

Caveat: Der Folgende Artikel enthält z.T. massive Spoiler über das Leben eines gewissen Christoph P. und darüber hinaus über Entwicklungen in verschiedenen Produkten serieller Fiktion.

Ich hab mir in den letzten Tagen und Wochen viele Gedanken über Sinn und Zweck dieses Blogs gemacht. Es kam zu Entwicklungen, welche mich zeitweise sehr stark an der Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens haben zweifeln lassen. Als ich vor inzwischen über zwei Monaten nach Prag gegangen bin, ging es mir beim Erstellen dieses Blogs v.a. um zwei Dinge: Zum Ersten wollte ich alle grundsätzlich über das was ich hier so tue informiert halten, und um nicht immer die selben Geschichten und Ereignisse fünfmal erzählen zu müssen, halt hier in dieser quasi-öffentlichen Form. Pure Faulheit, wenn ihr so wollt. Zum Zweiten brauchte ich natürlich auch meine Bühne, jetzt so ohne Tutorium und alles, wo ich meine halbklugen An- und Einsichten, sowie Musik, Filme und Serien mit Menschen, die das vielleicht, vielleicht aber auch nicht interessiert, teilen kann.
In keinem Falle hatte ich vor oder konnte ich absehen, dass ich hier das Ende einer Beziehung kommunizieren müsste. Oder den Beginn einer Neuen. Davon, dass das alles innerhalb weniger Tage geschehen würde mal ganz zu schweigen. Jaaaaa, neun Tage um genau zu sein, kann das mal jemand nachschlagen, das muss irgendein verdammter Rekord sein (Wobei mir nach drei Sekunden Nachdenken mindestens zwei Fälle einfallen bei denen es noch schneller ging: Hallooo Finnin mit dem Pferdenamen und Gefühlte Schwester aus Mittelfranken! ;)). Und Nein, ich werde dazu nichts weiter sagen. Ich habe die letzten Tage damit verbracht das permanent - v.a. vor mir selbst - zu rechtfertigen und es ist einfach der Punkt erreicht an dem man sagen muss: So ist es! Grow up with it! Weswegen ich mich auch entschieden habe, hier nicht länger zu schweigen und zu genießen.
Denn das Leben kümmmert sich nicht um "the best laid plans" (Alter Jüdischer Witz: Wie bringt man Gott zum Lachen? - Man macht einen Plan!), es schlägt Haken, keilt aus, rebelliert, tritt einem in die Eier und lacht dann auch noch dreckig. Oder es gibt einem die Gelegenheit alles zu ändern. A clean slate, sozusagen und in gewisser Weise - zumindest emotional - nochmal neu anzufangen. Eine solche Veränderung kann natürlich auf mehreren Ebenen eintreten und unterschiedlich weitreichende Implikationen haben. In fiktiven Narrativen würde man soetwas als einen gamechanger (vgl. oben) bezeichnen. Solche plot-devices schreiben das Setting, den Plot oder die interpersonellen Konstellationen welche einem solchen Narrativ inhärent sind, gründlich um. Man denke daran, als am Ende der Ersten Staffel von Alias endlich SD6 hochgenommen wurde, als Willow aus einer Jägerin Viele machte, als die Defiant zum ersten mal an DS9 andockte (hach), als Michael Westen in Washington seinem alten Boss gegenüber stand, als Chuck zum gefühlten hundersten- diesmal aber wohl endgütligen male von der CIA gefeuert wurde oder natürlich als Ned Stark seinen Kopf verlor (Die Reihe könnte sich sicherlich ad perpetuum fortsetzen lassen, wobei es mir jedoch erscheint, dass nur serielle Fiktionen in Frage kommen, da nur diese den erzählerischen Raum haben, um überhaupt ein game zu etablieren, dass dann gechanget werden kann. Innerhalb eines einzelnen Romans/Films scheint mir das nicht zu vollem Effekt nötig. Blickt man jedoch auf TV-, Comic- oder Romanserien, dann dürfte man eher fündig werden. Man denke an eine gewisse Hochzeit später im SOIAF oder den Besuch von Mr. Dark in der Bullfinch Street am Beginn der "Zweiten Staffel" von Fables oder, oder, oder...).
Gamechanger
müssen dabei allerdings nicht zwangsläufig gut ausschlagen (Alas poor Eddard, I knew him Petyr...) oder das halten was sie auf den ersten Blick zu versprechen scheinen (Was habe ich gejubelt als Ende der dritte Staffel von Chuck endlich der vermaldedeite Buy More gesprengt wurde und was haben sie daraus gemacht? Eine lächerliche CIA Basis!! Auch Burn Notice scheint ja im Grunde nicht wirklich aus seiner inzwischen gründlich ausgekauten comfort zone Miami+Case of the week ausbrechen zu wollen...). Aber sie bringen nichtsdestotrotz Schwung in ein festgefahrenes, vielleicht bisher allzu lineares Narrativ.

Lange Rede, wenig Sinn. Ich habe meinen gamechanger hier gefunden. Überraschend, ungeplant, manchmal überwältigen aber bisher - von einem strikt narrativen Standpunkt aus betrachtet - sehr postiv zu bewerten. Daher wird die bisher hier als "Schweizer Mathematikerin" gedubbte Person im Zukunft der Einfachheit halber als "B." erscheinen, denn so wie es scheint wird sie regelmäßiger hier anzutreffen sein.

Es war diese Entwicklung welche meine letzten Wochen hier dann auch ganz maßgeblich geprägt hat. Ich will euch die Details ersparen daher verlege ich mich auf die bewährte Collagentechnik, um die letzten zwei Wochen ungegliedert und wertfrei zusammenzufassen.

- Zunächst mal: Nothing important happened at university. Tschechisch läuft, und in zwei Wochen ist mein Paper für den Czech and Central European History Kurs fällig. Als Thema untersuche ich die Beziehungen zwischen den deutsch-römischen Königen/Kaisern und den böhmischen Fürsten/Königen im Hohen Mittelalter. Jetzt muss ich nur noch rausfinden wie hier die Bibliothek funktioniert... :P

- In Tschechisch haben wir inzwischen Adverbien, Verben der 2. und 3. Kategorie, Ordnungszahlen, Wochentage sowie den Nominativ und Akkusativ Plural durchgenommen. Letztere aber nur für Feminin, Neutrum und unbelebtes Maskulinum und in all diesen Kategorien auch nur solange es jeweils nicht mehr als vier sind. Denn dann wird das jedesmal wieder anders, komplizierter, nerviger und gemeiner, weil man das in dieser Sprachen eben nunmal so macht, wenn das irgendwie möglich ist. Im Plural kommt ab Nummer fünf wieder der unvermeidliche Wechseln in den Genitiv (den wir dieses Semester nicht mehr lernen werden) und Gott allein (und vielleicht ein paar reflektierte Tschechen) weiss (wissen) was sie sich für das belebte Maskulinum ausgedacht haben.

- Genug mit dem technisch-universitären Vorgeplänkel: Die Zeit mit B. bestand vor allem aus endlosen, bis tief in die Nacht dauernden Irrungen durch Prags Gassen, Straßen und Plätze. Unter anderem stolperten wir über einige lächerlich romantische Orte, aber auch eine frische Unfallstelle mit Polizei, geschrottetem Roller, Leiche und allem.
Mein Schlafrhythmus hat sich wieder massiv nach hinten verschoben, da ich nur selten vor halbdrei/drei ins Bett komme und inzwischen hab ich den Weg von der Uni bis zum Wohnheim mehr als einmal zu Fuß zurückgelegt (Nachttrams fahren nur etwa alle halbe Stunde. Würde man das von der Uni aus direkt gehen dauerte das vielleicht eine Stunde, etwas mehr eventuell...). Hinzu kamen die ein oder andere Flasche Weißwein in der Kneipe unserer Wahl, ein Tagestrip ins schöne Kutná Horá (wo es eine SENSATIONELLE spätgotische Kirche gibt - das fast noch berühmtere Ossuarium haben wir leider verpasst, das hatte schon zu, weil ich mich nicht von dem Riedschen Schleifengewölbe in der Kirche losreissen konnte... ;) - wir werden wohl nochmal kommen müssen :P) und einige tolldreiste Stunts, um ihre Mitbwohnerinnen bzw. vor allem die Pförtnerinnen ihres Wohnheims zu überlisten (Von "Ja, nur zum Lernen", über "Ich bin ein Buckel" bis hin zum seit Baldurs Gate bewährten "Wir sind die Putzkolonne" wurde alles mit zum Teil äußerst wechselhaften Erfolg versucht...). Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit. Oder wie seit gestern. Die Jury ist immernoch draußen... :P

- Der Tschechisch-Deutsche Stammtisch hat kollektiv das Gefühl sich für uns gratulieren zu können. Vielleicht hat er nicht ganz unrecht.

- Außerdem: Um einen Lern- und Arbeitsraum zu haben hab ich mir einen Ausweis von der Bibliothek im Clementium machen lassen. Mein Foto sieht wie immer ganz grässlich aus, aber wenigsten hab ich jetzt einen Raum, wo ich in Ruhe meinen Essay schreiben und mich hinter Büchern vergraben kann.

- Niemals nicht Punsch, Grog oder Glühwein auf dem "Königlichen Weihnachtsmarkt" auf dem Altstädter Ring trinken. Grässlich. Es gibt einen Stand am Alten Rathaus der ganz ordentlich ist, aber den Rest kann man getrost knicken. Ansonsten ist Prag zu Adventszeit einfach nur zucker! Völlig überrannt mit Touristen (wie eigentlich immer), aber ansonsten seeeeehr erträglich.

- In der Nähe des Namesti Miru habe ich einen fantastisch-nerdvanaesken Comic-Book-Store entdeckt! Aus Rücksicht auf wenig comic-affine B.-gleitung habe ich mir einen stundenlanden Stöber-Aufenthalt verkniffen. But I'll be back!

- Inzwischen kann ich auf Tschechisch fast alles bestellen und bezahlen. Manchmal verstehe ich sogar die Antworten und Nachfragen meiner jeweiligen Gegenüber (bzw. kann erfolgreich erraten, um was es geht). Eine B.-gleitung zu haben deren zweite Muttersprache Tschechisch ist, ist im Zweifelsfall zumindest nicht hinderlich.

- Gestern lief im Tschechischen Filmclub ein Puppenfilm. Solange die Unterhaltungen nicht allzu obszön wurden (schonmal einen Film mit fickenden, blutenden, kotzenden und kackenden Holzpuppen gesehen??? Die Augsburger Puppenkiste wird nie mehr diesselbe sein...) und sich nicht mit vergangenen Dingen beschäftigten, konnte ich immer wieder mal über einige Sätze hinweg, ganz gut folgen!

- Morgen kommt das Frollein D. aus der Kunigundenruhstraße in BA-Town zu Besuch. Da sie nur wenig Zeit hat werden wir das Marathon-"Prag in 12 Stunden"-Programm fahren. Brace yourselves!

Jetzt seid ihr so in etwa auf dem Laufenden. Sicherlich gäbe es noch Einiges nachzutragen, vielleicht mache ich das die nächsten Tage noch - wahrscheinlicher aber eher nicht :P.
Ich plane im Übrigen, wenn sich keine weiteren Termine auftun und alle Klausuren und sonstigen Leistungen bewältigt sind, in ziemlich genau zwei Wochen ins lauschige Oberfranken zurückzukehren. Würde für etwa eine Woche bleiben... da soll irgend so ein obskures dreitägiges Fest sein, von dem ich gehört habe, dass man es traditionell im Kreise der Familie verbringt. Kann mir da jemand mehr zu sagen? Wer fühlt sich bei "Familie" angesprochen und nimmt mich auf?