Was hatte also die Uni in der zweiten Hälfte meines zweiten Semesters hier zu bieten? War gar nicht mal so unanstrengend gegen Ende...
1) Der Gotischkurs erwies sich als genauso arbeitsintensiv wie befürchtet. Um unser "Zápočet"("Bestanden") zu bekommen mussten wir geschlagene 40 Verse aus dem Codex Argenteus, dem einzigen größeren Textzeugen für das Gotische, übersetzen von denen wir dann jeweils nur eine handvoll im Kurs vorstellen mussten. Natürlich wussten wir vorher nicht welche. Netterweise war es immerhin die Weihnachtsgeschichte nach Lukas (Kleine Hörprobe aus dem 1. Kapitel - unbedingt reinhören!), eine sprachlich vergleichsweise simple Passage. Dennoch war es genausoviel Arbeit wie es klingt und ich saß deswegen zwei geschlagene Tage in der Bib und habe kaum was anderes gemacht, als mir den Kopf darüber zu zerbrechen was die ei-Endung bei þankjandei soll, ob 3. Pers. Pl. Prät.Indikativ wirklich Sinn macht und zu bereuen, dass es Reduplikationen bei Vergangenheitsformen in dieser Form in unserer schönen Sprache nicht mehr gibt. Wirklich ich würde töten, um Formen wie gawandidedun ("sie wandten sich um"), tawidedeina ("sie mögen getan haben" - ich halte unsere Konjunktiv für einen eher würdelosen Ersatz für den indogermanischen Optativ) oder gesaiƕandans ("gesehen habend") in meinen aktiven Sprachgebrauch integrieren zu können!
Am Ende des Kurses gab es auf jeden Fall eine sehr nette vierstündige Blocksitzung mit Kaffee, Tee und Kuchen, an deren Ende ich dann erfolgreich meine Unterschrift einstreichen konnte. Strike one!
2) Die Vorlesung "Deutsche Literatur zwischen 1700 und 1880" war am Ende dann deutlich mehr als eine Wiederholung von altem Leistungskurswissen und hat sich - trotz einiger Längen gerade in den ersten Sitzungen - als recht spannend erwiesen. Ich fühle mich wieder einigermaßen über Grundzüge von Literatur und Geistesgeschichte in dieser Zeit informiert. Klausur lief dann auch - trotz minimaler Vorbereitung - überraschend gut. 1,7 und damit beste Arbeit des Kurses ;). Die Unterschrift hol ich mir am Mittwoch. Strike two!
3) Oh zu dem wirklich tollen Landscape&Sociology gibt es viel zu erzählen. Ich habe mich ja schon darüber geäußert wie geglückt verschiedene Disziplinen, Standpunkte und Theorien vom Dozenten kombiniert wurden. Den richtigen Mittelweg zwischen Ökologie, Ökonomie, Soziologie, Kulturwissenschaft und Philosophie zu finden war in diesem Umfeld sicherlich nicht immer einfach. Umso mehr habe ich es genossen. Mein Referatsthema waren dann Symbolic Landscapes und ich habe tatsächlich einige Vorbereitung hineingesteckt.
Am Ende wurde es dementsprechend wieder einigermaßen enzyklopädisch. Wie bei jedem guten Referat fing ich mit Aristoteles an, habe mindestens einmal Goethe zitert und jede Menge mehr oder weniger gut versteckter Herr-der-Ringe, Matrix, Shakespeare und Asterix Anspielungen untergebracht. Hab es sogar geschafft ein Bild von Untersteinach in die Präsentation zu schmuggeln! Am Ende schlug ich einen Bogen von den Loca Sancta und der Stadttopographie Jerusalems über Romantische Landschaftsmalerei (Caspar David Friedrich, John Constable) und den englischen Landschaftsgarten, zum "Scouring of the Shire" in Tolkiens Magnum Opus und endete fulminant mit der ebenso epischen wie inoffiziellen englischen Nationalhymne "Jerusalem" von Sir Charles Hubert Hastings Parry auf ein Gedicht von William Blake, in dem all dies zusammen kommt. Donnernder Applaus und ein zu Tränen gerührter Dozent, der sich gar nicht mehr hinter sein Pult traute, waren Belohnung genug für den Tag und ich beschloss irgendetwas zu tun um mein Ego wieder runterzufahren (In den Spiegel zu gucken zum Beispiel: Neun Monate tschechische Küche und tschechisches Bier hinterlassen ihre Spuren... ;)).
Der Dozent war so begeistert, dass er mit ein A und die ECTS Punkte gab BEVOR ich den dazugehörigen Essay auch nur mit ihm besprochen hatte. In dem habe ich mich dann ein bisschen über die Bedeutung und Kontexte von Landschaftsmalerei im späten Mittelalter ausgelassen: Also ein bisschen Lorenzetti Wandfresken aus dem Palazzo Poppolo Siena, ein bisschen Trés Riches Heures und ein bisschen van Eycks. So viel Spaß für so wenig Geld! Strike Three!
PS: Mit dem Seminar war auch eine sehr schöne dreitägige Exkursion ins Český Raj verbunden, aber dazu später mehr...
4) Der Tschechischkurs schloss mehr oder weniger mit der Einführung der Vergangenheit ab. Ab da haben wir eigentlich nur noch Übungen gemacht und Filme geguckt. Am Ende gabs nen Test, auf dem dann 90% und ein A standen. Naja... der erste Schritt ist gemacht, aber um Tschechisch wirklichg zu können und sich einigermaßen in dieser Sprache auszudrücken ist es noch ein ordentlicher Weg zu gehen... In jedem Falle: Strike Four!
5) Auch zu dem Art & Architecture Kurs wurde eigentlich schon alles gesagt. Der Vollständigkeit halber: Die Klausur war ein Witz und als Essay hab ich den Teil zum Heilig-Kreuz-Münster Schwäbisch Gmünd aus meiner Proseminararbeit über Hallenumgangschöre recycelt und um den Veitsdom in Prag sowie St. Just et St. Pasteur in Narbonne erweitert. Das was wirklich nett an dem Kurs war, war der verpeilte Dozent und unsere Ausflüge in fast alle Zweigstellen der Národní Galerie, versteckten Undergroundküstler-Ausstellungen und ein kubistisches Museum/Café! Einziger Kurs von dem ich die Note noch nicht weiss, aber ich denke furchtbar schlecht wird es nicht gewesen sein...
6) Schlussendlich der GEILOMAT-Kurs. Der fiel gegen Ende leider ein bisschen ab. Alt-Ägyptische Literatur ist (für mich zumindest) nicht halb so spannend wie Sprache, Religion, Kosmologie, Kunst und Architektur. Aber gut. Die Klausur war mal wieder geschenkt und ich hab mein A ohne weiteren Lernaufwand eingefahren. Als einziger Junge wie es die Dozentin wert fand zu betonen.... Strike Five!
Abschließend noch einige Worte zur wirklich schönen Exkursion ins Český Raj ("Böhmisches Paradies"). Diese fand am ersten Maiwochende statt und führte uns in eines der größten und schönsten Naturschutzgebiete Tschechiens. Ist etwas südlich der Malá Skála Ecke, wo wir über Silvester waren. Dort sind wir dann zweieinhalb Tage lang wacker durch Wald und Wiesen marschiert, haben uns zunächst die wirklich spektakulär in der Landschaft liegende Burgruine Trosky angeschaut. Ein tolles Ding, in seiner Lage daramtisch wie in einem Fantasyfilm. Noch dazu war das Wetter wirklich bombastisch! Auf dem Rückweg dann noch das schicke Schloss Hrubá Skála und am zweiten Tag die Burg Valdštejn, der Stammsitz des nach ihr benannten böhmischen Adelsgeschlechtes z Valdštejna. Bei uns, Dank eines gewissen Friedrich Schiller, besser als Wallenstein bekannten. Am zweiten Tag haben wir und aber nicht nur Burgen in toller Landschaft angeguckt, sondern vor allem auch tolle Landschaften ganz ohne Burgen, so zum Beispiel die wirklichen beeindruckenden Felsentürme von Hruboskalské skalní město was zu deutsch etwa soviel bedeutet wie die "Großfelser Felsenstadt". Untergebracht waren wir in einem alten Spa aus dem frühen 20. Jahrhundert bei dem man in der Dusche schon mal auf Frösche treten konnte (Tatsächlich musste ich eines morgens eine Gruppe völlig hysterischer Putzfrauen vor einer dieser gefährlichen Monstrositäten retten) dafür aber ein exzellentes Frühstücksbuffet vorgesetzt bekam. Die Gruppe bestand v.a. aus Amis, ein paar Kanadiern und mit mir, einem Portugiesen und einem Finnen noch drei Europäern. Wir sind gut miteinander ausgekommen, es gab fantastisches Essen in der Hospoda gleich ums Eck und ich konnte mein Englisch - das unter dem Mongel-ERASMUS-Sprech doch recht gelitten hatte - wieder ein bisschen aufbessern.
Höhepunkt des Ganzen war sicherlich die Installation von "Landart" in der Landschaft, wo wir etwas zum Thema "Landscape between Heaven and Hell" fabrizieren sollten. Einer kanadischen Idee folgend - die von mir auf theoretische Füße gestellt und historisch abgesichtert wurde - spannten wir zwischen den Bäumen, die wir wie Säulen behandelten auf unterschiedlichen Ebenen Schnüre und schafften es so den architektonischen Rahmen einer Kathedrale quasi in die Landschaft zu skizzieren. Mit Langhaus, Querhaus, Westfassade, Chor und allem. Wir hatten das ganze mit dem Chor nach der Sonne ausgerichtet und mit dem finsteren Ende in den Wald gelegt, so dass man nun, während man den zwischen den Bäumen angedeuteten architektonischen Raum durchschritt, von der Finsternis ins Licht ging. Großartiges Erlebnis und hat irre Spaß gemacht!
Noch einige Halodria zum Abgang:
Noch einige Halodria zum Abgang:
- Ich bin viel durch die Gegen gelaufen und hab mir endlich mal die Stadtteile im Prager Norden aber auch im Osten angeguckt. Also v.a. Holešovice in der Flusschleife nördlich der Altstadt, mit dem riesigen Stromovka Park und dem interessanten Výstaviště Praha Gelände, wo Ausstellungen u.ä. stattfinden, aber auch das südlich von Žižkov und östlich der Neustadt gelegene sehr hübsche und hippe Vinohrady, sowie den Vítkov, nördlich von Žižkov mit dem riesigen Jan Žižka Denkmal.
- Für alle dies noch nicht auf Facebook gesehen haben: Ich hab mir die Haare schneiden lassen! Kurz nachdem Stella gelaufen war, kamen die Haare runter. War überraschend teuer und hat eeeeeendlos lange gedauert. Hätte vielleicht nicht einfach den nächstbesten Friseur nehmen sollen... aber ich bin mit dem Ergebnis (inzwischen) ganz zufrieden...
Soviel für den Moment. Die nächsten Tage liefere ich dann alles was sich in Zusammenhang mit unserer "Stella"-Doppel-Premiere/Derniere-Aufführung ereignete, nach.
