Tja. Nun isses passiert. Ich wurde beklaut. Nachdem ich mich seit meiner Ankunft hier, zu keinem Zeitpunkt in persönlicher Erfahrung mit dem Klischee des diebischen Tschechen (Wobei die Tschechen mit denen ich mich unterhalten haben sowieso meinen es wären keine Tschechen gewesen sondern Roma...) konfrontiert sah, hat es (das Klischee) jetzt brutalstmöglich zugeschlagen. Und zwar, da wo es richtig wehtut. Die Vollwixer sind durch das Fenster in mein Wohnheimzimmer eingestiegen und haben meinen Laptop, ebenso wie den meines Mitbewohner mitgehen lassen. Abtransportiert vermutlich in seinen Taschen, die ebenfalls fehlen... Nehmt mir mein Geld, meine Schlüssel, mein Handy, meine Kreditkarte, meinen Ausweis und meinen Führerschein! BITTE, DA NEHMT! Aber meinen Laptop? Seriously?
Ich kam am Abend von der Uni nach hause da stand mein armer Mitbewohner und einige anderen Leute schon vor dem Zimmer und teilten mir mit was geschehen war. Die Polizei sei schon da gewesen, habe sie angewiesen das Zimmer nicht zu betreten und bald kämen ein Kriminalpolizist und die Spurensicherung oder so ähnlich... beide rückten dann auch kurz hintereinander an. Die freundlichen Tschechen übersetzen für uns, denn hier kann auch die Kripo oder die Spurensicherung offensichtlich kein Englisch. Klasse. Deswegen lief alles sehr gefiltert, während wir unsere Aussagen machten, und die Antworten kamen bei uns als Betroffenen immer nur sehr indirekt an. Bis wir mal auf dem neusten Stand waren, waren die jeweiligen Beamten schon immer zwei Schritte weiter. War frustrierend. Am Ende haben wir irgendeinen tschechischen Wisch unterschrieben, der wohl meinte, dass ein Bericht angefertigt werden würde und wir berechtigt sein in die Ermittlungsakten Einsicht zu nehmen. Nachdem CSI Prag wieder abgerückt war, blieb mir nur das hinterlassene Chaos zu beseitigen und mir eine Abendgestaltung OHNE Laptop zu überlegen - am Ende blieb mir nichts anderes übrig als zu lesen... ;-)
Die diebischen Bastarde waren offensichtlich durchs Fenster gekommen. Es stand sperrangelweit auf, das Fensterbrett war völlig abgeräumt und auf meinem Bett waren mehrere Fußabdrücke (ja, wenn das mal so einfach wäre...). Der Polizist meinte, wir hätten das Fenster nicht richtig geschlossen gehabt. Kunststück. Die Fenster waren schon immer undicht (hatte Nachts immer einen gewissen Zug in und über meinem Bett) und der blöde Hebel klemmte seitdem ich da eingezogen war...
So richtig wissen an wen ich mich wenden kann, wegen Versicherung oder so, tu ich nicht. In einem Monat kommt ein Bericht oder sowas von der Polizei, der soll wohl weiteren Aufschluss liefern. Die Chancen, dass diese Ermittlungen zu irgendetwas führen und wir unsere Laptops jemals wieder sehen sind inetwa so groß wie die eines Schneeballs in der Hölle eine Eisdiele zu eröffnen. Die Polizei war bemüht da keine Illusionen aufkommen zu lassen. Im Nachhinein hab ich erfahren, dass mein Wohnheim durchaus einen gewissen Ruf hat regelmäßig das Ziel von Dieben zu werden. Steht da bestimmt auch irgendwo auf Aushängen. Auf Tschechisch. Aber gut, dass ich das jetzt weiss...
Nun gut. Mein Laptop ist also weg. Um mein treues, anrazithfarbenes Schlachtross von einem Schleppi ist es v.a. (und eigentlich um ehrlich zu sein nur) aus emotionalen Gründen Schade. Er selbst war ein alter, lauter, langsamer Kübel. Ans Herz gewachsen war er mit in den letzten 5 Jahren trotzdem. Wirklich, wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schmerzhaft in der Verlust von den Dingen die darauf gespeichert waren. Und das ist so ziemlich alles was ich habe, kann und weiss. Ich habe ja durchaus eine externe Festplatte, aber ich bin mir nicht ganz sicher, wann genau ich die letzte Sicherung angelegt hab (sicher weiss ich dass eine im Januar 2011 stattfand als mein Laptop kurzzeitig abschmierte...). Ich bilde mir ein irgendwann im Laufe des letzten Jahres nochmal die Festplatte übertragen zu haben, aber die Verluste - gerade im Bereich Weltenbau - dürften doch erheblich sein. Ich hab mich noch nicht getraut draufzukucken, aber wenn ich mal im Kopf überschlage was ich so alles im letzten Jahr geschrieben, strukturiert und verändert habe, dürfte ich um etwa eineinhalb bis zwei Jahre zurückgeworfen worden sein. Da ich v.a. in den letzten beiden Monaten sehr produktiv war und davon ausgehen muss, dass auch 2011 komplett verloren ist, schätze ich die Verluste mal auf um die 30-40 Prozent. Im Grunde also letal, ich seh das im Augenblick nicht, dass sich dieses Projekt davon erholt.
Ich weiss es war ein albernens Hobby das schlussendlich zu nichts führte, eigentlich ein Atavismus aus Jugendtagen, aber mir war es einfach sehr ans Herz gewachsen und mehr als nur ein wichtiges kreatives Ventil oder eine Spielwiese für große Kinder. Sehr viel von dem was ich gelesen, gelernt oder sonstwie rezipiert habe, sei es im Rahmen meines Studiums oder durch diverse Produkte aus der Nerdkultur (Fernseh- und Comicserien, Fantasyromane, Literatur im weiteren, v.a. natürlich Rollenspiele) ist da eingeflossen und hat so für mich eine Weiterverwertung und ganz neue Dimensionierung erfahren. Mein Weltenbauprojekt war die Agentur, die all diese diversen Rezeptionseindrücke bündelte und in etwas verwandelte, das mir persönlich viel bedeutete und einen großen Stellenwert in meinem täglichen Denken einnahm. Der Gedanke, dass dieses Projekt, dieses Hobby, meine zweite Welt, jetzt verloren oder doch zumindest irreparabel beschädigt sein sollte, macht mich noch immer furchtbar, furchtbar wütend. Habe eben auf meinem Block mit Bleistift und Kuli den verzweifelten Versuch eines Reboots gestartet (Jetzt neu und noch besser!). Aber es geht im Augenblick noch nicht. Der Schmerz ist noch zu frisch (An dieser Stelle darf der geneigte Leser gerne einige Zeilen zurückgehen und zusehen, ob er die Stelle findet, ab der aufrichtige Betroffenheit von einem dicken Schutzwall aus Ironie überdeckt wird).
Neben dem Weltenbau-projekt dürften die Verluste auch die letzten zwei bis drei Unisemester umfassen, was mich sehr froh macht, dass ich die Jerusalem Hausarbeit erst kürzlich endlich doch noch abgeschickt habe. Die Hausarbeit vom letzten Semester über die deutschen Kaiser und die böhmischen Fürsten konnte ich aus meinem Mailfach noch retten, aber z.B. meine Referatsunterlagen zu den timuridischen Schahnamehs - auf denen aufbauend ich, wieder in Bamberg, noch eine Hausarbeit hätte schreiben müssen - dürften ebenfalls nicht gesichert gewesen sein. Selbiges gilt für das Material und die Hausarbeiten zum Stiftungsvergleich in Orient und Okzident und für die mittelalterliche persische und mittelhochdeutsche Literatur. Eigentlich alles was ich im Master gemacht habe...
Außerdem als Verluste zu verzeichnen:
Fortgeschrittene Speicherstände in Baldurs Gate, Icewind Dale und Starcraft, jeweils erster und zweiter Teil.
Der Anfang zu meinem neusten Prosa Machwerk. Nur 9 Seiten oder so. Trotzdem schmerzhaft.
Viele, viele, viele, viele Fotos.
Meine Arbeit an den letzten beiden Akten der aktuell laufenden DnD Kampagne...
Die Erste DVD der 2. Twin Peaks Staffel, die sich noch im Laufwerk befand.
AAAAAAAARGH!!!!
Sicherlich wird mir noch das ein oder andere einfallen und für viele wundervolle, schmerzhafte Momente in den nächsten Stunden und Tagen sorgen.
Darüber hinaus habe ich jetzt ganz pragmatisch keinen Arbeitsplatz und keinen Internetzugang mehr (sitze im Computerraum des Bücherladens in der Celetná). Erst jetzt bemerke ich wie sehr mein Laptop - und mit ihm mein Zugang zum Internet und zu meinen Arbeiten und Hobbies - Mitte und Anker meines Lebens ist. Ohne Mist. Mein Laptop ist mir Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsterminal, gleichzeitg mein zentraler Arbeitsplatz und somit DIE Instanz die meinen Alltag strukturiert und gestaltet ja überhaupt in der Form in der ich ihn pflege und schätze möglich macht. Melodramatisch? Meinetwegen. Aber dadurch nicht weniger wahr! Ich fühle mich gerade echt entwurzelt, ein bisschen wie in den ersten Wochen, nur dass ich mich jetzt natürlich nicht in ein Starbucks oder Internetcafé setzen kann... mangels Laptop!
Wie also weiter? Eher früher als später werde ich einen neuen Laptop brauchen. Schon allein um sinnvoll für die Uni arbeiten zu können. Von Unterhaltung (Serien), Information (Nachrichten) und Kommunikation (E-Mail, skype und facebook) mal ganz zu schweigen. Muss mir nun also überlegen ob, wann und wo ich mir ein neues Teil zulege, wenn ja welches und in welcher Form. Gleich ein ganz neues Teil? Oder für erste - solange ich mich noch in diesem Land befinde in dem auch Wohnheimzimmer nicht heilig sind - nur ein Arbeitsgerät zum Übergang? Ich muss drüber nachdenken...
Einziger GROSSER Silberstreif, der mich hier gerade nicht völlig die Wände hochgehen lässt, ist die Aussicht bereits ÜBERMORGEN VORMITTAG im Flieger nach London Gatwick (nicht Heathrow wie früher geschrieben) zu sitzen, d.h. in weniger als 43 Std. schon wieder bei Bears und in einem anderen Land, weit, weit weg von hier zu sein.
PS: Es stellt sich heraus, dass die Archäologie Vorlesung ebenfalls nur auch Tschechisch stattfindet. Das ist jetzt schon der zweite Blindgänger, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte, der fälschlicherweise als englischsprachig ausgeschrieben war. Grrrrrrrr...
PPS: Der Tschechischkurs (in dem sich saß während mutterlose Arschgeburten meinen Laptop geklaut haben) lässt sich ganz gut an. Bei der kurzen Wiederholung am Anfang kam ich recht gut mit. Abgesehen vom Vokabular, das natürlich in den letzten zwei Monaten, eher geschumpft als gewachsen ist, scheint mein Tschechisch nicht völlig degeneriert zu sein...
O Bruder, ich bemitleide dich. Es gibt wohl wirklich nicht viel, was man gegen diese sehr spezielle Form der Amputation tun kann. Hölle...
AntwortenLöschenhttp://db.tt/fh8Hxa3o
oh junge, wo hast du nur die vielen bösen wörter her...
AntwortenLöschendas müssen dilettanten gewesen sein, dass die so nen alten laptop klauen. damit können die doch nicht wirklich was anfangen. arschlöcher!!!