Sonntag, 26. Februar 2012

Christoph vs. the periphery

Das erste Wochenende des Semesters ist überstanden und es gibt einige erfreuliche Entwicklungen:

- Am Freitag habe ich ENDLICH, das Drama mit dem Course-Review für das Amerika Seminar klären können. MEINE HERREN! Ich hab der guten Frau am späten Vormittag vor ihrem Büro aufgelauert (ich war am Dienstag schonmal da gewesen und hab in Erfahrung gebracht, wann sie das nächste mal da ist) und sie dann mit meinem Nachfragen bzgl. des Reviews überfallen. Stellte sich heraus, dass wohl mehrere Studenten ihre Berichte nicht an sie verschicken konnten, gab wohl Probleme mit dem Mailserver der Uni, was auch immer. Sie wollte, dass ich's ihr einfach nochmal schicke. Ich wollte mir weitere Schickerei und Nachfragerei ersparen, bin also von ihrem Büro in der Hybernská (das ist östlich der Altstadt, also hinter Pulvertrum und Naměstí Republiky) zum Fakultätsgebäude (ganz im Westen der Altstadt) gespurtet, hab dort in der Bib den blöden Bericht nochmal ausgedruckt, und bin wieder zurück zu ihrem Gebäude gehetzt :P. Hab sie auch noch erwischt, bevor sie in ihren Unterricht musste. Ich wollte noch einen Termin machen, an dem wir das Ergebnis besprechen können, aber sie meinte, sie habe gerade noch ein bisschen Zeit und würde es sich jetzt gleich anschaun. Spektisch - in der Erwartung jetzt 20 min. rumsitzen und warten zu müssen - nahm ich Platz. Sie hat sich dann den fünfseitigen Text ca. 40 Sekunden lang angekuckt (oder solange, wie ich eben brauchte, um ihr zu erzählen was ich hier bzw. in Bamberg so mache), hat ein paar "Germanisms" (in der Regel Großbuchstaben, wo keine sein sollten z.B. "Czech Lands") eingekreist und hat mit ein A gegeben. Ich war erstmal geschockt. Was mach ich hier eigentlich? Wieso geb ich mir überhaupt Mühe? Sind meine anderen Noten auch so zu Stande gekommen? Die sieht nur: "Ah ok, Auslandsstudent, womöglich auch noch ERASMUS..." (Nein, KEIN ERASMUS!) und PENG krieg ich meine eins. Seriously??? Aber, na gut.... geschenkter Gaul und so... ich bin nur froh, dass das unschöne "FAILED" jetzt aus meinem SIS-Eintrag verschwunden ist :).

- Dort fehlt allerdings immernoch der 6 ECTS Punkte Eintrag für mein Czech&Central European History Seminar beim CIEE aus dem letzten Semester. Die nette Dame im International Office sagt zwar seit zwei Wochen sie tragen es demnächst ein, aber irgendwie zweifel ich da noch so ein bisschen dran. DAS A habe ich mir nämlich mit zwei Klausuren, einer Hausarbeit und 2x1,5 Std die Woche, tatsächlich verdient...

- Für das Wochenende hatte ich mir vorgenommen mal die beiden Tramlinien, die hier nördlich und südlich an meinem Wohnheim vorbeiführen, bis zu ihrem jeweiligen westlichsten Ende abzufahren. Beiden enden nämlich jeweils an verheißungsvollen Orten: Im Norden führen die Linie 26 u.a. nach Divoká Šárka (Die wilde Scharka), ein Naturpark direkt am Stadtrand von Prag. Im Süden führt u.a. die 22 nach Bilá Horá. Übersetzt ist das der "Weiße Berg" (bzw. die weiße Bergin - der Berg - hora - ist auf Tschechisch weiblich!) und bei allen, die in Geschichte ein bisschen aufgepasst haben, müssten da sämtliche Alarmglocken schrillen! Richtig: 1620, Die Schlacht am Weißen Berg.

- Die Wilde Scharka stellte sich am Samstag Nachmittag, bei heftigem Wind, aber strahlender Wintersonne, als durchaus beeindruckend heraus. Ein schmaler Strom schneidet sich durch dramatische Felsklüfte, Wälder und Felder. Man kann stundenlang durch die Wildnis streifen, es gibt ein großes Wassereservoir ein gutes Hostinec (Wirtshaus) und ein im Umbau befindliches McDonalds. Die Landschaft ist wild, schroff und hat den Wald-und-Wiesenromantiker, der tief in mir (und wohl in den meisten Deutschen) schlummert, durchaus angesprochen. Auf den aufragenden Felsnasen fühlte ich mich permanent dazu genötigt an exponierter Stelle möglichst daramatische Posen vor den majestätischen Panoramen , die sich um mich herum ausbreiteten, einzunehmen. Das Gelände ist wirklich riesig, ein Blick auf die Karte zu Hause zeigte mir, dass ich in den zweieinhalb Stunden, die ich dort gewesen war, gerade mal die Südspitze erkundet hatte! Auf jeden Fall im Sommer oder so mal einen zweiten Besuch wert. Hingefahren war ich ja mit der Tram (10 min von mir nach Hradčanská und von da aus dann in dieselbe Richtung, nur auf einer anderen Achse 20 min weiter). Vor Ort hab ich dann, als ich mich auf den Rückweg machte festgestellt, dass man auch den Bus hätte nehmen können, der in 8 min im Prinzip bis direkt vor mein Wohnheim fährt... :P Wieder was gelernt, man (also ich) vergisst manchmal einfach, dass hier auch Busse fahren... dabei sind die gerade in den Randbezirken und Nachts oft viel besser und nützlicher als die Trams... oder gar die Metros.

- Heute hab ich mich dann als Tourist historischer Schlachtfelder versuchen wollen. Die Fahrt nach Bilá Horá dauerte nicht ganz so lange, aber der Anblick beim Verlassen der Tram war erstmal ernüchternd. Wohnhäuser, Baumarkt, Tankstelle... Stadtrandbesiedlung halt. Auf dem zweiten Blick eine heruntergekommene, barocke Klosteranlage. Was zunächst vielversprechend wirkte, stellte sich beim Umrunden leider als unzugänglich heraus. Dabei entdeckte ich aber andrerseits einen Weg der zwischen einigen schäbigen Wohnhäusern hinaus auf einen Acker führte. Einem gewissen Harndrang folgend (Ich hatte zuvor beim Mittagessen im U Klašterá zwei Kofola getrunken. Kofola ist so ne Art teschech[oslowak]ische Cola, ein sehr leckeres Relikt aus kommunistischer Zeit...) machte ich mich auf zum Acker, nur um dort, in mehrerer Hinsicht erleichtert, auf der Hügelhöhe oberhalb des Ackers eine merkwürdige Erhebung zu erspähen. Über einen schlammigen Feldweg dorthin gestiefelt, entdeckte ich eine kleine Steinpyramide auf der künstlichen Aufschüttung, die wohl tatsächlich an den Ort der Schlacht erinnern soll. Ich muss sagen ich war überrascht. Angesichts der Position, welche die Schlacht am Weißen Berg im historischen Bewusstsein der Tschechen einnimmt (vergleichbar etwa mit dem Amselfeld für die Serben oder der Schlacht von Mohács für die Ungarn... gibt es sowas für die Deutschen?) hätte ich irgendeine monumentale Geschmacklosigkeit aus der Zeit der Ersten Republik erwartet. Die eher bescheidenen Ausmaße dieses Denkmals fand ich vor diesem Hintergrund geradezu angenehm. Naja. Insgesamt also eher unspektakulär das Ganze. Ein paar Steine, eine Tafel mit Inschrift. Drumrum ein paar Bäume auf einem Hügel (der berühmte Weiße Berg ist als solcher in der Landschaft kaum wahrnehmbar) voller Äcker und Felder.
Randnotiz: to get bilahora-ed scheint v.a. unter angloamerikanischen Gaststudenten in Prag ein feststehender Ausdruck zu sein. Er bezeichnet das betrunkene Einschlafen in der Tram 22 (die Sowohl das ECES - also v.a. von Amis genutzte - Kolej Komenskeho als auch das v.a. von ERASMUS Studenten bewohnte Wohnheim in Hostivař ansteuert), woraufhin man an der Endstation vom Fahrer geweckt wird und sich in spätester Nacht in Bilá Horá ausgesetzt vorfindet.

- Erfreuliche Erkenntis aus diesen beiden Mini-Exkursionen: Diese Stadt hat einen Rand. Felder und Äcker hinter Prag sehen auch nicht anders aus als die hinter Untersteinach.

- Das Wochenende zeigte mir überdeutlich, dass mein Sozialleben in den letzten drei Monaten deutlich monopolisiert worden war. Natürlich in der angenehmst vorstellbaren Weise, aber nichtsdestotrotz stehe ich jetzt ein bisschen alleine da. Hinzu kommt die bereits beklagte Abreise der meisten anderen Leute, mit denen ich darüber hinaus sonst noch was zu tun hatte. Versuche also - bisher wenig erfolgreich - ein paar eingeschlafene Kontakte vom Anfang des letzten Semesters zu beleben: "Dear second choice..."

- In Oxford wird ein neunmonatiger Medieval Studies Master angeboten!!! Entry Requierements klingen nicht unschaffbar. Und mit einem DAAD Stipendium im Rücken (Bewerbungsschluss 15.11.12) nach meinem Master in Bamme für ein Jahr nach England klingt verlockend... hummhommm....

- Für die nähere Zukunft suche ich gerade nach Praktika hier in Prag für den Zeitraum Juni/Juli bis August/September. Hab ein paar vielversprechende Sachen aufgetan und werde mal ein paar E-Mails schreiben. Wäre ja nett, wenn sich Prag so noch ein bisschen verlängern ließe und ich am Ende sogar noch ein Auslandspraktikum vorzuweisen hätte :). Passt gut zu den vielen Praktika, die ich in Deutschland noch nie gemacht habe!

- Morgen ist zum ersten mal wieder Tschechischkurs. Glaub ich zumindest. Die Woche sind nämlich auch große Demonstrationen gegen die aktuelle Hochschulreform geplant und es fällt wohl einiges aus. Ich hab nur leider keinen Dunst was und wann und wo und sowieso, weil alle Infos auf Tschechisch sind... was mich wieder zu diesem Kurs zurückführt... :P

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