Sonntag, 15. April 2012

Christoph vs. a day in the life

Bevor ich aber dazu komme, meine Tage mit Bears in der alten und danach in der zwischenzeitlichen Heimat zu beschreiben, erstmal einen Überblick über das was hier so in Prag die letzten Wochen gelaufen ist. Ich bin Informationen über mein zweites Semester bisher ja sträflich schuldig geblieben. Daher beginne ich mal mit der Schilderung eines typischen Tages im Prager Leben eines jüngeren Christophs im zweiten Semester an der äääääääääältsten Universität Mitteleuropas.

Also:

Durchschnittlich zwischen 06:14-8.27h wurschtelt er sich aus dem Bett. Abhängig davon ob er Uni hat oder nicht (und wann) in unterschiedlichen Stufen von Eile. Geduscht wird nicht, das geschieht in der Regel am Vorabend zwischen 00.30h und 01.30h. Gesetzt der Fall der Morgen beginnt nicht mit gemurmelten Fluchen ("Scheissescheissescheisseschonwiederzuspätverdammtescheisseaberauch!!!") und einem Spurt zur Tram, so beginnt er mit dem Hochfahren des NEUEN Laptops, einer angerührten Tasse Schweizer Hausfrauenkaffee und einer Tasse Müsli (ja Tasse, nur Juppies haben Schüsseln!). Die erste Runde durch die sowohl unterhaltsamen, als auch informativen und kommunikativen Weiten des Internets fällt je nach weiterer Tagesplanung unterschiedlich lang aus. Manchmal endet sie mit dem letzten Schluck aus der Kaffeetasse wenige Minuten später, manchmal nach gefühlten 73 Episoden "Community", am späteren Nachmittag ("JetztmussichaberwirklichlosoderdieGeschäftehabennichtmehrauf").

Früher oder später geht es dann mit Tram und Metro (Über das Fahren mit dem Öffentlichen Nahverkehr in Prag, gibt es mal einen eigenen Eintrag) in Richtung des ehrfurchtgebietenden Fakultätgebäudes am Nam. Jana Palacha. Die universitären Aktivitäten sind für den Jüngeren Christoph dieses Semester weitaus weniger nebensächlich zu handhaben wie im vorangegangen. Zum einen sind es schlicht mehr, zum anderen durchaus auch anspruchsvollere. Fast alle wollen irgendwann, irgendwie Midterms schreiben, hätten gerne einen Vortrag oder eine Diskussion und am Ende natürlich ein kleines Paper oder eine Abschlussklausur. Zusätzlich muss natürlich noch meine amerikanische Deutsch-Nachhilfeschülerin errrhmmm: Tandem-Partnerin unterhalten werden. Das geschieht mittels eines deutschen Kinderbuches, das ich für 15 CZK in einem Antiquariat ums Eck erstanden habe. Sie quält sich mit der Aussprache von <ä>, <ö>, <ü> und sowie dem Unterschied zwischen starken und schwachen Verben, während ich mehr oder qualifiziert kommtiere, erkläre oder versuche nicht zu offensichtlich zu verzweifeln.

Aus den einzelnen Klassen gibt es weiterhin zu berichten:

1) Der Tschechischkurs läuft. Nicht völlig glänzend aber souverän eiere ich - immer oberhalb von 80% - von den Präpositionen (die einfach in jeder Sprache völlig bitchy sind) zu den Hilfsverben und stehe nun kurz vor dem ersten Schritt in die Vergangenheit.

2) Zu Stella sag ich später noch was. Soweit v.a. aufwändig und zeitraubend. Aber nette Leute und ich denke am Ende wird es das alles wert sein.

3) Der Gotisch-Kurs. Oh ja, da gibt es allerdings Neuigkeiten. Ihr erinnert euch an den viel kompetener wirkenden, perfekt Englisch sprechenden Assisstenten, der den deutschen Linguistik-Teddy bisher nur unterstützend zur Seite stand? Es gab wohl einen Putsch oder eine Art Umsturz und seit zwei Wochen sind die Rollen im Kurs nun vertauscht. Ein weiterer Fall von "careful what you wish for", denn der Assistent zieht das Tempo und den Anspruch massiv an, geht auf uns ein, will uns offensichtlich tatsächlich etwas beibringen. Konnte man sich also vorher vom deutschen Liguistik-Teddy ganz entspannt berieseln lassen, sich an der eigenen Ahnungslosigkeit auf diesem Gebiet erfreuen und zusehen wie der Minutenzeiger vorankroch, so wird man jetzt auf einmal gefordert, muss Texte vor- und nachbereiten, Grammatik recherchieren - übelste Erinnerungen aus den Zeiten meines Sprachgeschichte Proseminars werden wieder wach! Bin mir immernoch nicht sicher, ob ich diese neue Entwicklung gut finden soll....

4) Das Landscape (and) Sociology Seminar bleibt interessant. Sehr schön hat der Dozent uns mit seinem lustigen tschechischen Englisch durch das Spannungsfeld von social, economical und cultural studies geführt, die alle zu den Thema beitragen. Die Midterm-Klausur letzte Woche war as easy as they get und ich freue mich auf die Exkursion ins Český Raj Anfang Mai.

5) Die Vorlesung zur Deutschen Literatur zwischen 1700 und 1880 schreitet so voran (Schillers Briefe über die Ästhetische Erziehung des Menschen erfolgreich eingeschädelt). Wenig wirklich Neues, aber dennoch interessant vieles nochmal und auf universitäten Niveau vertieft, zu hören. Letzthin war eine Gastvortragende aus Bamberg da und es war wirklich herzerfrischend: Alles von ihrer Redensart und Vortragsweise bis hin zu Gestaltung ihrer PowerPointPräsentation, kündeten von der selben harten Bamberger Schule, durch die auch ich meinerzeit gegangen bin. Eine willkommene Abwechslung zu den bisweilen reichlich unstrukturierten und schlampigen Präsentationen der Dozenten hier....

6) In dem Art&Architecture Kurs ist es bisweilen ein bisschen anstrengend zu sitzen. Ich weiß wohl einfach zu viel, so dass es oft schwer fällt still und sitzen zu bleiben, wenn der Dozent - den ich persönlich ja sehr nett finde - mal wieder so tut als wären Basilika und Kathedrale gegensätzliche Begriffe innerhalb desselben Terminologiesystems, oder bei der Begründung der Kreuzzüge so brutal vereinfacht, dass es die Grenze zum Falschen mehr als nur knapp überschreitet. Die Welt und v.a. die Geschichte, die sich in ihr entfaltet, ist nicht so einfach. Und bei aller Rücksicht auf die unterschiedlichen Bildungshintergründe der v.a. amerikanischen Kommilitonen (Dozent:"What do you think from which period is this building?" Sally aus Kansas: "Is it romanesque?" Dozent:"Yes, and that would mean it is from which century?" Sally aus Kansas:"uhm... 17th?"), ein bisschen davon sollte man ihnen schon zutrauen dürfen.
Wenn es aber um Tschechien per sé geht und v.a. jetzt, da wir in modernere Zeiten vorstoßen, lern ich aber doch ab und zu was interessantes (Zum Beispiel wie man den Wallenstein-Garten in Prag findet und was für tolle Barockmusik in Böhmen entstanden ist).

7) Zum Abschluss muss ich sagen, dass ich den Ägypten-Kurs errrrm, GEILOMAT!-Kurs nach wie vor uneingeschränkt genieße. Toll, toll, toll. Nachdem der religiös-theologische Teil durch eine schöne Diskussionsrunde über eine Reihe Aufsätze zum Lesen und Verstehen der Pyramidentexte in der Unas-Pryamide abgeschlossen wurde, ging es diese Woche mit einer erfreulich linguisitischen Einführung in die ägyptische Sprache und Schrift weiter. So kann das bleiben!

Für die Uni müssen also Aufsätze gelesen, Vokabeln gelernt und Skripts rekapituliert werden. Ein weiterer bestimmender Faktor ist "Stella" deren Aufführung in EINEM Monat ihre Schatten vorauswirft. So gilt es eifrig zu proben und Texte zu lernen.
Mittagessen erfolgt meistens in der Stadt, entweder in der Pilsen Bar, nahe der Fakultät (hab jetzt eine Club Karte, weil ich da sooft rumhänge, hihihi :)), in einer Paneria oder der Touristenmensa und bietet im idealfall Anlass zu sozialen Kontakten mit etwa der Zweiten Finnin, oder der Französin mit dem farbenfrohen Namen. Weitere Menschen, die ab und zu meine Kreise stören sind eine kleine, blonde Tschechin, hier genannt Stella (die natürlich nicht wirklich so heißt, hier nur so geführt wird weil sie eben jene im gleichnamigen Stück spielt), der Postillion (ebenfalls nach seiner Rolle im oben genannten Stück gedubbt), sowie nach wie vor der Drei-Bücher-Philosoph und mein Waschmaschinenheld und Wohnheimsdolmetscher (Wobei das Verhältnis zwischen den beiden als vergiftet bezeichnet werden darf, nachdem ersterer letzerem in Konsequenz eines heftigen, auf Tschechisch geführten, Streitgesprächs über Liebe, Beziehung, Politik, Intelligenz, Glaube, Religion und Fußball [also alles völlig unproblematische Themen mit wenig Konfliktpotential] ein Bierglas ins Gesicht schüttete!). Hinzu kommen einige flüchtige Bekanntschaften aus Kursen und Vorlesungen, die man gelegentlich und eher zufällig trifft.

In der - zunehmend abnehmenden - Freizeit, streift Christoph der Jüngere nach wie vor gerne durch die Stadt und entdeckt neue Ecken. So sind mit dem Voranschreiten des Frühlings die großen Parks (Vyšehrad, Letná, Petřin, Vítkov) in sein Blickfeld gerückt. Gerade der Vítkov ragt noch immer wie ein gewaltiger weißer Fleck über den Norden von Žižkov auf. Überhaupt gibt es im Prager Norden und Osten noch weite, durchaus reizvolle Stadtgebiete (Vinohrady, Holešovice), die der Erkundung harren.
Wenn nicht in der Stadt unterwegs unterhält der Jüngere Christoph sich mit Serien aus dem Internet (GAME OF THRONES LÄUFT WIEDER!!!!), liest Jasper Ffordes ebenso unterhaltsame, wie lustige, aber auch kluge und lehrreiche und gleichzeitig völlig abgedrehte Thursday Next Reihe oder spielt Baldur's Gate (Erst gestern gelang es mir [bzw. meiner Paladinin...? Paladina....? Paladiness....? Meinem weiblichen Paladin Aerwyn] - mit Minsc, Dynaheir, Imoen, Coran und Branwen bzw. später Yeslick im Gefolge - den schurkischen Davaeron zu bezwingen und seine schändlichen Umtriebe im Mantelwald zu beenden...).

Höhepunkt des durchschnittlichen Tages im durchschnittlichen Leben des durchschnittlichen Jüngeren Christophs ist die zum Glück ganz und gar nicht durchschnittliche abendliche skype-Sitzung mit der fernen schweizer MolMed/Mathematikerin in Bern oder wo auch immer sie sich gerade rumtreibt...*soooifz*

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