Etwas außerordentliches passierte in den letzten Tagen. Etwas, das mir in dieser Form seit den frühen Tagen meines Zivildienstes nicht mehr passiert ist: Ich verliebe mich in eine Stadt.
Damals war ich neu in Bamberg, zum ersten mal von zu Hause weg, alleine und für mich und habe die Stadt erkundet, beseelt von einem (rückblickend eventuell unangebrachten) "Christoph-in-der-großen-Stadt"-Gefühl.
Die letzten zwei, drei Tage war es hier ähnlich, nur dass ich mich hier dabei meist in exzellenter Gesellschaft befinde ;).
Es begann damit, dass wir die Reste des "Jüdische Museum Prag" Tickets aufsammeln wollten und daher Maisel-, Klausen- und Spanische Synagoge abgeklappert haben. Davon ausgehend eskalierte das dann und führte in endlosen Runden durch und um die Altstadt. Und - meine Fresse- diese Stadt ist groß! Ich hatte ja ein bisschen Angst bevor ich hierher kam, dass mir das zu klein werden würde - wollte ja in eine GROSSE Stadt. Auf den Bildern sah dass dann alles sehr überschaubar aus in Bamberg war der Tenor von Leuten, die schonmal in Prag gewesen waren "Ach Prag, das ist ja wie hier, nur ein bisschen größer." Zunächst mal ist "ein bisschen" in diesem Fall 17x (SIEBZEHN) größer und in Bamberg wird man lange suchen müssen, um eine kubistische Villa oder eine abgefahrene Anlage wie das Clementinum finden zu können. Oder einem Haufen hinduistischer Mönche (? - die Hare Krishna-Typen halt...) über den Weg zu laufen, oder so etwas leckeres wie Kolaatsch (Lautschrift) zu essen, oder mitten in der Stadt über ein spätgotisches Kloster zu stolpern mit der Aufschrift "Sonntags 10.30h evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache" (fest vorgenommen für morgen, wenn ich aus dem Bett komme...:P).
Jedesmal, wenn ich meinen Horizont ein bisschen weiter hinausschiebe, neue Wege und neue Ecken erkunde, erfahre ich von weiteren Orten, jenseits meines gerade erst erweiterten Horizontes: "Aha, das ist also das Südende des Karlsplatzes... wie jetzt dahinter kommt noch ein Botanischer Garten?", "Hm, die Kafka Ausstellung war jetzt nicht so prickelnd, gut, dass es in Malá Strana noch ein Kafka-Museum zu geben scheint".
Langweilig oder zu klein wird es mir hier nicht, diese Stadt bietet genug zu Erkunden und zu Entdecken, um mich die nächsten Monate zu beschäftigen. Gut, dass ich nicht nur ein Semester hierher gekommen bin, das wäre jetzt ja schon wieder fast halb vorbei und ich fange grade erst an unter die Oberfläche dieser Stadt zu blicken.
Kafka hat es sicherlich nochmal ganz anders - und weit weniger schmeichelhaft gemeint - als er schrieb: "Prag lässt nicht los. Dieses Mütterchen hat Krallen", aber gerade kann ich mich - auf meiner Ebene - sehr mit diesem Satz identifizieren.
Nichts von dem was in den letzten eineinhalb Jahren mein Leben bestimmt und strukturiert hat fällt hier noch an oder wird wirksam... and I'm enjoying the shit out of it!
Das bisschen Uni, dass ich hier habe, lässt sich relativ simpel marginalisieren...
Auch die Entdeckung wie kurz der Weg von einer Metro-Station zur anderen eigentlich ist, hat maßgeblich zu dieser Entwicklung in den letzten Tagen beigetragen. Ich überlege es mir jetzt zweimal, ob ich wirklich die Metro/Tram nehmen sollte oder müsste. So bin ich gestern, nach einem vergnüglichen Abend mit den ERASMUS-Damen, vom Café Slavia in der Neustadt bis zur Hradcanská Metro-Station hinter der Prager Burg gelaufen und auch dieser Weg erschien am Ende gar nicht mehr so weit...
Ja, merkwürdig. Je enger alles zusammen rückt, umso größer erscheint es im Ganzen.
Was habe ich heute/die letzten Tage gelernt: Viel über diese Stadt. Die Spanische Synagoge ist eigentlich eine byzantinische, das ehemalige Judenviertel Josefov wurde im späten 19. Jhd. komplett eingestampft und im Gründerzeit-Stil in der heutigen Form neu aufgebaut, Kolaatsch ist superlecker, Das Tanzende Haus soll tatsächlich aussehen wie ein tanzendes Paar - es hat sogar eine "Frisur" - und, dass diese Stadt GROSS ist und größer zu werden scheint je länger man sich mit ihr beschäftigt.
Was höre ich gerade: Einem wertvollen Musik-Tipp aus Bonn folgend, läuft bei mir gerade Elbow rauf und runter, v.a. die großartige Live-Aufnahme ihres vorletzten Albums "The Seldom Seen Kid" in den Abbey Road Studios mit Unterstützung des BBC Concert Orchestra.
Cause holy cow I love your eyes
And only now I see the light
Yeah lying with you half awake
Stumbling over what to say
Well, anyway: It's looking like a beautiful day.
So throw those curtains wide
One day like this a year we'll sing it right.
Seufz .. sich verlieben in eine Stadt ... being out of shit.
AntwortenLöschenEin Traum!
Der Reichtum des Lebens liegt in der Entdeckung in der Leichtigkeit desselben!
Das nimmt Dir keiner,Junge!