Es hebt sich also an die dritte Woche in Prag!
Ich muss:
1) das Postproblem lösen.
2) Die Austauschunterlagen nach Bamberg zurückschicken.
3) Für die Midterms nächste Woche lernen.
4) Mein Thesenpaper für übernächste Woche vorbereiten.
Es reißt also langsam so etwas wie universitärer Alltag ein. Gaaaaaaanz laaaaaaangsaaaaaam. Ein gutes Gefühl! So schön der mobile Café&Laptop-Lifestyle der ersten Wochen war, so hatte er doch etwas sehr unruhiges und äußerst... öhm... liminales. Nichts was man für neun Monate durchhalten könnte. Was sich jetzt hier die letzten Tage abzeichnet.... schon eher! Mir hat einfach eine feste Basis gefehlt und jetzt mit dem Internet im Wohnheim hab ich die. Natürlich unter allen zu machenden Einschränkungen (mangelnder Platz, keine Privatsspähre, mangelhafte Infrastrukturen), aber im Augenblick kann ich mir Vorstellen mich ganz gut damit zu arrangieren.
Am Vormittag wurde also ein bisschen Serien geguckt und dann Tschechisch gelernt. War ganz erfolgreich, der Kurs lief dann auch entsprechend gut. Hab mir Karteikarten gekauft und alle Vokabeln und Redewendungen da drauf geschrieben. Jetzt kann ich immer in Tram und Metro Tschechisch lernen... immerhin ist der Hitchhiker's Guide fast ausgelesen... Ich hab ja schon ein bisschen den Anspruch das ordentlich zu machen (Ja! Ehrgeiz! Ich!). Ich meine bessere Bedingungen, mehr Zeit und ein besseres Umfeld, um diese Sprache richtig zu lernen, finde ich so schnell nicht mehr. Außerdem ist es unwahrscheinlich cooooool eine so abgefahren Sprache wie Tschechisch einigermaßen zu können...
Im Kurs kam heute neben den Fragen, Wer, Was und Wo etwas oder jemand ist und wie man diese beantwortet auch DER wohl brühmteste Satz der Tschechischen Sprache dran:
"Strc prst skrz krk!" (Hájek über dem "c")
Kein Scherz.
Wie man sieht verdankt der Satz seine (zweifelhafte) Berühmtheit der Tatsache, dass er sich völlig ohne Vokabeln genügt. Wozu auch? Er illustriert also sehr schön zu welchen Abscheulichkeiten das Tschechische v.a. bei der Aussprache fähig ist. Und das ganz ohne Hájek-r! Übersetzt bedeutet er etwa: "Stecke dir deinen Finger durch den Hals". Richtig "durch", nicht "in", wie mir das mal in Dtld. erklärt worden ist. Das bedeutet: Der Satz ergibt eigentlich überhaupt keinen Sinn, ist also im engeren Sinne gar kein Satz! Ergo: Auch das Tschechische kann keine Sätze ohne ein paar altmodische Vokale basteln, die Tschechen tun nur immer so als wäre ihre Sprache so krass, eigentlich ist alles nicht so schlimm und ich werde diesen Kauderwelsch in nullkommanix beherrschen ;).
Später Vorlesung. Frühmittelhochdeutsche Literatur. Geschenkt, Heimspiel. Hab mich zwischen Monophthonigerung, Diphthongierung, Lexer und Kaiserchronik sehr zu Hause gefühlt... schöööööööön! Hab mich einmal mehr für den Weg des geringsten Widerstandes entschieden und mich bei der Wahll des Textes für den wir ein Thesenpapier erstellen müssen und den wir dann im Kurs als Experten vorstellen müssen für - tadah - das Nibelungenlied entschieden :) Geschenkt, Heimspiel. Könnte ich zur Not auch aus dem Stand machen ;).
Das Seminar mit der Vorlesung richtet sich ja, wie ich schon einmal geschrieben habe, v.a. an tschechische Germanistik-Stundenten. Diese können alle einschüchternd gut Deutsch sprechen und einer hat mich dann auf den "Deutsch-Tschechischen Stammtisch" im Anschluss an das Seminar eingeladen.
Bin dann dort aufgekreuzt ohne mir allzuviel zu erwarten, and boy, was I wrong!
So einen Haufen, netter, kreativer, kluger, lustiger und interessanter Menschen, die sich dort getummelt haben! Wurde ein sehr langer, sehr schöner Abend den ich sehr genossen habe. Es war gut, den ganzen Abend völlig entspannt Deutsch sprechen zu können, wie gesagt, die Tschechen in diesem Studiengang, beherrschen das alle beunruhigend gut, und sich in dieser Weise auszutauschen. Im Folgenden nur einige Impressionen aus einem langen, bunten, unterhaltsamen Abend:
- Habe eine ganz bemerkenswerte Schweizerin kennengelernt mit beeindruckender Vita: Zweisprachig (Deutsch/Tschechisch) aufgewachsen, Mutter ist Professorin für Slavistik, Vater ist Professor für Mediävisitk (JAHA!) und arbeitet mal eben an einer Parzival Digital-Edition (Für Mediävistik-Insider: http://www.parzival.unibas.ch/home.html). Spricht zudem noch Englisch, Französisch und ein bisschen Italienisch. Hat das Latinum an der Uni nachgemacht, weil das an ihrer Schule nicht ging, machte ihren ersten Bachelor in Molekularmedizin (!!!) und studiert jetzt: MATHEMATIK. Nebenfach Germanistik. Geht in der Schweiz offenbar auch ohne Lehramt (allerdings will sie das natürlich noch nachholen).
Ja, sie hören richtig meine Damen und Herren: Da haben wir jemanden mit ALLEN Vorraussetzungen eine strahlende Geistes- und Kulturwissenschaftlerin zu werden und was macht man damit? Genau: Mathe studieren! Alle meine Versuche sie davon zu überzeugen der dunklen Seite der Macht den Rücken zuzukehren scheiterten... *seufz*... aber da stecken wohl ähnliche Mechanismen dahinter, wie hinter meiner Entscheidung nicht in die Theologie zu gehen ;).
- Habe mich mit einer Sächsin, einer Österreicherin und einem Oberpfälzer sehr spannend über Deutschen Regionalismus unterhalten. Offenbar sind wir Franken schon ein sehr besonderes Völkchen mit unserem übersteigerten, aus der Besatzungsnot und Minderwertigkeitskomplexen heraus konstituierten, Regionalpatriotismus. War gar nicht so einfach das verständlich zu machen ohne gleich als Separatist dazustehen...
- Am Ende, nach einer ganze Reihen von Bieren, hatte ich eine HÖCHST anregende Diskussion mit einem tschechischen Germanistik und Philosophie Stundenten, der einige steile Thesen über Imperialismus, Industrialisierung und Immanuel Kant hatte. Ein sehr lautstarker, schwungvoller und heftig gestikulierender Kerl mit rumpelnden Akzent und exaltierten Gebaren. Habe versucht ihn mit sozialen Konstruktivismus und kulturellen Relativismus zu knacken, bin aber wiederholt an einer dicken Wand aus Adam Smith, Napoleon und Kant abgeprallt. Einig wurden wir uns dann aber dahingehend, dass unsere jeweiligen, möglichst akademisch vergeistigten und wirtschaftlich sinnlosen Studien unsere ganz persönlichen Akte der Rebellion gegen das marktgerechte und wirtschaftkonforme Studienformat des Bologna-Prozesses sind! Das man in Dtld. so etwas wie "Interdisziplinäre Mittelalterstudien" studieren kann, hat ihn sehr glücklich gemacht. Haben uns - obwohl wir uns bei Kant wohl nicht mehr einig werden - wirklich sehr, sehr gut verstanden und er verabschiedete sich mit den Worten "auf dass wir uns Wiedersehen in der Hölle, im Mittelalter oder in einer Woche an dieser Stelle!"... was für ein Typ... :)
- Den Heimweg trat ich mit drei Tschechen an, von denen immerhin zwei im selben Wohnheim "leben" wie ich. Einer war der freundliche Zeitgenosse, der mir vor zwei Wochen kurzzeitig in meinem Kampf gegen die Sprachbarriere an der Wohnheim Rezeption beistand. Wenn ich damals gewusst schon hätte, dass er PERFEKTES Deutsch spricht... deswegen hat er mich auch zunächst auf englisch angesprochen und gedacht, dass ich Amerikaner bin, der Deutsch studiert, worauf ich wiederum auf Englisch geantwortet habe, bis wir darüber aufgeklärt worden sind, dass wir es doch mal auf Deutsch versuchen sollten, da wieder beide das ganz gut beherrschten...
Stellte sich im Gespräch mit meinen beiden Leidensgenossen heraus, dass das Wohnheim in den ich gelandet bin, eigentlich nur für tschechische Studenten gedacht war und erst seit diesem Jahr soviele ausländische Studierende hier untergebracht worden sind. Was das Problem mit der Sprache erklärt. Habe die armen Leute dann erstmal alle Schilder und Aushänge im Wohnheim für mich übersetzen lassen (allerdings... wirklich wichtig war da jetzt keiner...) und einige Fragen geklärt, die mich beschäftigten. Das Duschproblem (und viele andere auch) ist nicht exklusiv das meinige und das mit der Post müsste sich eigentlich klären lassen. Yay! Es renkt sich doch alles ein. Es bestätigt sich aber auch meine Einschätzung, dass das Wohnheim hier sehr, sehr günstig ist. Billiger kann man in Prag wohl kaum wohnen, als ich das im Augenblick tue...
- Oh, und überraschend viele Leute kennen Bamberg, sind schon mal da gewesen oder kennen zumindest jemanden, der das von sich behaupten kann. Es ist halt doch irgendwie nur einmal ums Eck von hier aus...
Auf jeden Fall werde ich diesen "Stammtisch" in mein festes Programm aufnehmen. Wirklich sehr, sehr angenehm. Schade, dass wir das in Bamberg nie regelmäßig auf die Reihe gekriegt haben...
glückwunsch zu deinem tollen leben :))))
AntwortenLöschenMoooomet, es gibt Mechanismen, welche Dich von der guten Seite der Macht - der einzig wahren disciplina - abhielten? Als Dein persönlicher (Beicht)Vater muss ich das wissen!:)
AntwortenLöschenIch freue mich mit Dir, denn wenn es zwei Stämme gibt, die sich an einem Stamm(!)tisch beim Gerstensaft einvernehmen können, dann sind die Tschechen mit den Deutschen! Dies sei gesagt mit fröhlichem Vermerke von ...
Deinem Alten