Ich habe Internet om Wohnheim! Das Leben ist schön! Die Vögel singen! Die Sonne scheint! Die Metro rattert und die Tram klingelt! Endlich bin ich wieder vereint mit der wichtigsten sozialen, kommunikativen und organisatorischen Infrastruktur meines Lebens!
Merkwürdig dass dennoch - oder gerade deswegen - hier seit über drei Tagen nichts mehr geschrieben worden ist... woran das liegt? Entweder es ist nicht soviel passiert oder jetzt, da das Internet allverfügbar geworden ist hat das Blogschreiben seinen Reiz verloren v.a. da es so nun nicht mehr zur Manifestation eines "bohemian" Café&Laptop-Lifestyles wird, sondern Zeit, die ich auch mit Seriengucken verbringen könnte ;).
Aber keine Furcht, ich werde hier weiterhin ab und an von mir hören lassen. Und sei es nur zwischen zwei Episoden "Chuck" oder "Mad Men"...
Donnerstags ging der Tschechisch Kurs in die zweite Runde. Wir haben zählen gelernt (Vier ist ein schlechter Witz: "Tschtytschrri" oder so ähnlich...), dann noch Aussprache und Buchstaben und solche Grundlagen eben. Für mich verwirrend. Wenn die Tschechen einen Ansprechen benutzen sie den Akkusativ (??? - muss nochmal nachfragen). D.h. auf jeden Fall, dass an den männlichen Vornamen ein "-a" angehängt wird (z.B. der nach Jan Pallach - einem Studenten, der sich im Protest gg. das Sowjet-Regime selbst verbrannte - benannte Platz, an dem unsere Uni steht heißt: Namesti Jana Palacha). Ich werde also mit "Christopha" angesprochen, was für mich klingt wie "Christopher" - verhängnisvollerwiese eine Anrede auf die ich mir seit dem Kindergarten eisern antrainiert habe nicht zu reagieren... wodurch es immer zu unangenehmen Pausen kommt, wenn ich dran bin...
Die netten diakritischen Zeichen über den tschechischen Buchstaben, welche die Aussprache so brutal merkwürdigen machen (bzw. welche die brutalen Merkwürdigkeiten der tschechischen Sprache schreib- und lesbar machen), verdanken wir übrigens keinem Geringen als Jan Hus (Danke Mann! Ich meine Laienkelch und alles ist ja schön und gut, aber das Hájek!?!? Wirklich?!?!).
Am Abend war dann wieder Englischer Historienfilmabend. Diesmal ""The Lion in winter", ein Titel bei dem SOIAF Fans Schmunzeln dürften ;-). Allerdings ging es nicht um Lannisters die sich die pupurnen Klöten im Westerosi-Winter abfrieren (leider), sondern (wieder) um Heinrich II. Plantagenet (der Mann ist einfach wichtig...), wieder mitreissend gespielt von Peter O'Toole! Ansonsten haben wir noch Katherine Hepburn als Heinrichs Gattin Eleonore von Aquitanien (Hepburn gewann einen der drei Oskars, die der Film damals kassierte - die historische Person, die sie spielt ist allerdings auch nicht ganz unwichtig ;-)) und seine Söhne Richard (später bekannt als Lionheart- gespielt von einem sehr steifen Anthony Hopkins in seinem Kinodebut!), Geoffrey und John (später bekannt als Lackland, derjenige der den Engländern die Magna Charta hat durchgehen lassen - hierzulande v.a. geliebt und gehasst als "Prinz John" aus div. Robin Hood Rezeptionen). Dazu kommt noch Timothy Dalton (Genau, James Bond No. 4! Ebenfalls sein Kino-Debut) als Französischer König Louis II..
Der Film basiert auf einem Broadway-Drama und spinnt einen dichten, sehr dramatischen Bogen an fiktiven Ereignissen der historischen Figuren in sehr akkurat gezeichneten und wechselhaften interpersonellen Konstellationen. Jeder hasst jeden, alle Söhne haben einen massiven Vater UND Mutter-Komplex, die Eltern verbindet eine hingebungsvoll gepflegte, leidenschaftliche Hassliebe (Er sperrt sie das Jahr über in Schloss Windsor ein und besetzt ihre Länderein, sie organisiert im Gegenzug Aufstände und Bürgerkriege gegen ihn...).
Die Herkunft des Stoffes von der Bühne in dem Film stark anzusehen: Die Handlung entfaltet sich in einer Nacht (Weihnachten 1183) und an einem Ort (Chinon, Hauptresidenz Heinrichs II. im Anjou, Herz des angevinischen Reiches) und bezieht seine Spannung fast ausschließlich aus den Dialogen in denen Ränke geschmiedet, Konflikte ausgetragen und Familientraumata aufgearbeitet bzw. verteift.
Das macht unwahrscheinlich Spaß, alle sind mit sichtlicher Begeisterung bei der Sache und es wird zu keinem Zeitpunkt langweilig. Manchmal aber zwickt es natürlich ein bisschen im Mediävistenherzen, wenn Eleonore von Aquitanien Weihnachtsgeschenke einpackt und kleine Pergamentstreifchen mit den Namen ihrer jeweiligen Söhne anbringt... ;). An anderen Stellen wird die enthusisastische Freude und die hypertrophe Dramatik der Schauspieler für moderne Beobachter, die diese Art zu spielen nicht mehr gewöhnt sind, natürlich unfreiwillig komisch. Etwa wenn Peter O'Toole am Ende schallend lachend mit weit ausgebreiteten Armen seiner Frau nachsieht, oder wenn Nigel Terry seinen John völlig eindimensional als undankbaren, niederträchtigen, machtgierigen, geradezu debilen Volltrottel spielt.
Davon abgesehen aber rundum empfehlenswert. Ich muss mir dringend mal "Lawrence of Arabia" ansehen, immerhin ist das DER Film und DIE Rolle mit denen O'Toole immer in Verbindung gebracht werden (Btw: O'Toole wurde nicht weniger als ACHTmal für den Oscar als "Best actor in a leading role" nominiert, davon zweimal für seine jeweilige Darstellung von Heinrich II. Plantaganet und hat ihn NIE gewonnen! Erst 2003 hat man ihn dann mit dem Ehrenoskar für sein Lebenswerk abgespeißt...).
Am Freitag hatte ich mein tolles Amerika-Seminar (was toll bleibt!) und habe dann ENDLICH mein Internet aktiviert. Leider funktionierte die Kamera der Allerschönsten Hutfrau nicht... muss mich hier mal umsehen, ob ich eine billige finde. Ansonsten bin ich jetzt aber auch über skype erreichbar und freue mich eure fernen Stimmen in meine Prager Zelle zu zaubern!
Am Abend bin ich dann endlich mal in das berühmt-berüchtigte Studentenwohnheim Hostivar gekommen. Das größte und vermeintlich schickeste der Prager Wohnheime, wo die ganzen ERASMUS-Studenten hingeschickt werden (Ich natürlich nicht, weil kein ERASMUS. Daher auch kein schickes gelbes Kursheft, keine vollumfängliche Infomappe, keine ISIC-Card usw. Austauschstunden zweiter Klasse! ;-)). Haben uns dort bei der Berlinerin getroffen und uns dort über einigen Flaschen Cider, britischem, deutschem und tschechischem Bier, sowie jeder Menge Chips&Zeugs alle drei Sherlock-Filme reingezogen!
Ich glaube ich habe den/das (?) Sherlock-Holmes Reboot unter der Regie von Steven Moffat (U.a. Coupling, Jekyll, Dr. Who und der Tintin-Film, der demnächst in die Kinos kommt) hier schonmal erwähnt, möchte aber nochmal allen dazu raten sich die drei Filme DRINGENST reinzuziehen. Benedict Cumberbatch und Martin Freeman (Hach! Massive Man-Crush!) als Sherlock und Watson sind einfach sehr, sehr, sehr, sehr sehenswert und machen unwahrscheinlich Spaß! Die Filme entwickeln eine sehr eigene Optik, die Fälle sind spannend konstruiert, die Dialoge funktionieren ganz wundern und Sherlocks Erläuterung und Deduktionen zu folgen macht sprachlos. Wie (fast) immer gilt aber auf jeden Fall die Original-Tonspur nehmen (Dringend mit Untertiteln... Wenn Sherlock mal loslegt...), wer sich auf deutsch antut, verpasst was!
Der Heimweg von Hostivar gestaltete sich dann jedoch schwierig. Hostivar liegt so ziemlich am anderen Ende der Stadt. Vetrnik liegt (fast) ganz im Nordwesten, Hostivar gaaaaaaaanz im Südosten. Schon auf dem Hinweg hab ich mit Metro und Tram fast ne Stunde gebraucht. Als ich dann Hostivar um dreiviertel eins in der Nacht verlassen hab, waren die Öffentlichen Verkehrslinien schon am umstellen auf den Nachtverkehr. Zudem setzte ich mich erstmal in den falschen Bus in die falsche Richtung, musste also umsteigen, ewig warten, zurückfahren, um nur mal wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen. Da hab ich dann noch die letzte reguläre Tram erwischt - die fuhr dann aber nur acht Stationen und ich steckte immernoch gaaaanz weit im Prager Südosten fest. Also wieder bei Arscheskälte in tiefster Nacht bis 01.51 warten, bis die nächste Nachttram in meine Richtung fuhr. Von der Linie dann später (inzwische weeeeeeit im NordOSTEN von Prag) nochmal auf möglichst umständliche Weise auf die Linie wechseln, die dann auch tatsächlich zu meiner Station fährt und - tadah - um kurz nach drei in der Nacht bin ich in mein Bett gefallen... :P
Ob ich diesen Nacht-Tram-Verkehr jemals durchschauen werde?
Ja am Samstag ist dann nicht viel passiert. Ich hab ausgeschlafen und den Rest des Tages damit verbracht diverse Serien nachzuholen, die ich in den letzten Wochen vernachlässig hab. Saß also den ganzen Tag in meinem Zimmer: GROSSARTIG! Manchmal brauch ich sowas. So wie andere Leute stundenlange Spaziergänge, Sport oder ihre Arbeit brauchen (Weirdos...). Vielleicht schreib ich irgendwann mal was ich so zu den einzelnen Serien denke, die ich z.Zt. verfolge (Big Bang Theory, How I met your mother, Grey's Anatomy, Eureka, Terra Nova, Person of Interest, New Girl, Castle, Modern Family...)... oder ich überlasse das anderen Taugenichtsen, die mehr Ahnung davon haben ;).
Am Abend bin ich dann doch noch mit einigen Leuten was Trinken in die Stadt gegangen. Immerhin ist ja Samstag und wir sind hier in Prag, das verpflichtet... war dann auch sehr lustig! Die Finnin mit dem Pferdenamen wollte unbedingt etwas ausprobieren, dass sich "Absinth-Sperm" nennt. Zur Erleichterung vieler und zur Enttäuschung weniger, handelte es sich natürlich nicht um echtes Sperma (es wurden schon wilde - und ich unterstelle: erwartungsfrohe - Theorien gesponnen, von welchem Tier das Zeug stammen könnte), sondern es sah nur so aus, weil so Zuckerzeug drin schwamm. Merkwürdig schmeckte es trotzdem...
Später bin ich dann, zum ersten mal seitdem die Allerschönste Hutfrau weg ist, wieder über die Karlsbrücke gelaufen. Ist schon merkwürdig: Kaum ist man hier als Student angekommen, verschwindet der touristische Horizont fast völlig. Auch Prager Burg und Kleinseite kommen so in meinem Leben hier überhaupt nicht vor. Nur am Altstädter Ring bin ich regelmäßig, aber der ist ja auch gleich neben der Uni... Meine ersten vorsichtigen Schritte hier, vor inzwischen über drei Wochen, kommen mir sehr lange zurückliegend vor. Es ist einfach unfassbar viel passiert und man taucht so richtig ein in dieses sehr liminale Paralleluniversum rund um das Auslandsstudium... ich glaube es pendelt sich so gaaaaanz langsam ein gewisser Alltag ein... was auch viel damit zusammenhängt, dass das Internet hier mir in meinem Zimmer jetzt endlich einen festen Basispunkt bietet. Ob ich schon so richtig gerafft hab, dass das jetzt für die nächsten achteinhalb Monate so weiter geht, steht allerdings auf einem ganz anderen Blatt...
Bei diesem Schlusswort will ich es jetzt erstmal belassen. Den Sonntag mit dem sehr tollen Tagesausflug nach Tschrrebitsch (Lautschrift ;-) im südlichen Moravia liefere ich morgen oder so mal nach...
Allen einen schönen Abend, ich hoffe mal von euch zu hören, wie es euch so geht und was ihr so treibt!
Ich glaub ich werd jetzt ein bisschen Chuck gucken oder so... :)
PS: Von dem "Lion in winter" gibt es offenbar ein Remake von 2003 mit keinem geringen PATRICK STEWART in der Rolle von Heinrich Plantagenet! Awesome!
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