Gestern morgen habe ich erstmal endlich das Geschenk für die allerschönste Hutfrau auf den Weg gebracht. Ja richtig, auch dahinter versteckt sich eine Geschichte, aber dazu komme ich an einer anderen Stelle...
Dann stand als nächstes die kleine aber feine Tagung an, die hier vom ZENTRUM FÜR MITTELALTERSTUDIEN (Jaha, wir sind überall! Nennt sich hier halt nur CMS...) und dem Lehrstuhl für Mittellatein (!!!) organisiert wird und zwar zum tollen, tollen, tollen Thema "Obscuritas in the Middle Ages". Im November gibt es dazu noch ein Blockseminar, das natürlich besucht werden wird.
Gemeinsam mit der Finnin mit dem Pferdenamen habe ich die - gut hinter einer garstigen Rezeptionsdame, einer Baustelle und einem Innenhof verstecke - Lokalität der Tagung aufgesucht, um dann den Rest des Tages genuscheltem Italiano-Englisch, gehaspelten Suomi-Englisch und geknarzten Teutonen-Englisch zu lauschen. Erster Vortrag war sehr interessant, ging darum was First Person Narration so alles kann und wie sie mit "obskuren" Inhalten korrelliert... muss dem mal nachgehen, wie in der Mittelhochdeutschen Epik Direkte Rede genutzt wird um Obskure Inhalte abzuwerten und eine narrative Distanz herzustellen... (Hab was ähnliches schon mal in einer Hausarbeit geschrieben ;-))... war auf jeden Fall sehr spannend! Die restlichen Vorträge waren ok, Extrapunkte gibts für den Sachsenspiegel/Magdeburger Stadtrecht Vortrag, wegen dem hohen Nostalgie-Faktor! Die Diskussionen waren inhaltlich durchaus spannend, v.a. aber witzig zu verfolgen wie Mediävisten aus ganz Europa mit sehr, hmmm... divergierenden Englischkenntnissen versuchen auf hohem Nivau über Editionsphilologie oder Narratologie zu diskutieren.
In der Pause haben wir dann mal die große Mensa in der Faculty of Law ausprobiert. So richtig verstanden haben wir nicht, was wir da gemacht haben, das Kartenbezahlsystem ist sehr ausgefuchst und das Personal spricht mal wieder nur Tschechisch, aber am Ende hatten wir einen durchschnittlich leckeren Gulasch mit Reis abgekriegt und herausgefunden, dass der Tee frei ist! Insofern ein Erfolg! Fragt sich nur inwieweit er sich reproduzieren lässt, da letztendlich (um eine ehemalige Mitbewohnerin zu zitieren) "das System nicht verstanden" wurde.
In der Kaffeepause haben wir dann ein sehr putziges Café in der Nähe des Bethlehemsplatzes mit SUPER-leckeren Schokobrownies entdeckt! Sucht-Garantie! Muss die allerschönste Hutfrau gelegentlich dorthin schleusen...
Nach der letzten Sektion der Tagung bin ich dann noch in ein sehr wertvolles Seminar mit dem Titel "History on film: From Plantaganet to Restoration" gegangen. Die Veranstaltung warb mit dem Slogan: "No questions asked, no credits given" (verkürzt), und im wesentlich schaut man sich halt Filme über die englische Geschichte im oben skizzierten Zeitraum an.
Gestern stand "Becket" von 1964 auf dem Programm und der Film hat mir wirklich unwahrscheinlich gefallen. Robert Burton als Becket war sehr solide, aber vor allem natürlich Peter O'Toole (der einem durch aktuelle Filme geprägten Publikum v.a. als König Priamos aus der jüngsten Verwurstung des "Illias/Aeneis" Stoffes von Wolfgang Petersen 2004 bekannt sein dürfte) als Henry II. ist einfach eine Augenweide! Ein Genuss dem Mann bei der Arbeit zuzusehen! Warum spielen Leute heute nicht mehr so? Ist das die Schuld von Marlon Brando und "anything method"? Wo ist das Drama, das Pathos, die Epik! (Das waren jetzt drei in der Literaturtheorie vollständig anders gemeinte Termini brutalst zweckentfremdet, um im Prinzip etwas völlig anderes zu sagen. Aristoteles und Schiller mögen es mir nachsehen und aufhören in ihren Gräbern zu rotieren...)
Tja und heute morgen im Wohnheim passierte dann beim Duschen, was ja irgendwann passieren musste. Der mit meinen Sachen behängte Kleiderständer, der unmissverständlich so in der Tür stand, dass er aussagte "Jetzt nicht! Belegt!", wurde mit einem fröhlichen "Bonjour!" umstandslos zur Seite geräumt. Kurz darauf entblätterte sich ein Typ neben mir, unter einem Schwall unverständlichen Französisch, das eigentlich nur bedeutet haben kann " 'allo, isch komme aus Frongraisch und werde jetzt komplett naküsch neben dir duschen"... manchmal ist es ja durchaus lustig wenn sich nationale Stereotypen bestätigen (Bleiche Finninnen, Rauchende Tschechen, prüde Deutsche, Briten mit albernen Hüten, Belgier ohne echte Regierung,), manchmal hingegen würde man sich aber doch wünschen eines Besseren belehrt zu werden...
Nachdem meine allmorgentliche Flucht aus dem Wohnheim also in dieser Form beschleunigt worden war, ging es erstmal in ein sehr interessant klingendes Seminar "The old world and the new: Understanding Civilization". Zur Enttäuschung einiger Leser muss ich gleich vorneweg sagen, dass es sich nicht um ein Vertiefungseminar zu einem beliebten PC-Spiel handelt, sondern, dass es grundsätzlich darum geht wie sich das Selbstverständnis und die Identität Europas an der Entdeckung der Amerikas seit dem 16. Jahrhundert herausformte, über die Wahrnehmung und Konstruktion des jeweils Fremden und warum Amerika weniger "entdeckt", als "erfunden" wurde. Endlich also mal ein Seminar mit einem kulturwissenschaftlich-theoretischen Ansatz, auch wenn man bei dem unvermeidlich ebenfalls bemühten Edward Said, als Mediävist, quasi qua Amt, natürlich erstmal die Stirn runzeln, den Kopf schütteln und vielleicht sogar noch die Arme hinterm Kopf verschrenken muss.
Auch wenn wir uns zu 20st in ein Büro drängen müssen, weil scheinbar auch Freitag morgens die Karlsuni unter aktuer Raumnot leidet, war es doch sehr interessant und verspricht mit einer kulturanthroplogisch geschulten Amerikanistin als Dozentin ein echter Höhepunkt des Semesters zu werden!
Gerade habe ich wieder Mittagspause. Die Tagung geht heute in die zweite Runde mit weiteren obskuren Vorträgen zu nicht weniger obskuren Themen... man darf gespannt sein was in der nächsten Sektion über Alchemie und Astronomie/logie zu hören sein wird!
Wo sind deine Kastanienblätter jetzt!
AntwortenLöschenAußerdem: Marlon Brandon hat Hollywood weiter gebracht als jeder dead-end Historienschinken. Diese ganze Hollywoodliga mit Pathos, die heute die Hollywoodliga mit Special Effects ist, scheint mir das zu sein was man im Kunstunterricht nicht durchnimmt (zB Salonmalerei und Co.), weil es nirgendwohin geführt hat.
Gestern habe ich "Die zehn Gebote" gesehen. DAS war ein Film, der hat auch in der Medienwissenschaft echte Tragweite, aber trotzdem kann er mit seinem ganzen Pathos und ausgestreckten Armen nicht mit dem einfachsten "all of this has happend before, all of this will happen again"-Moment mithalten.
Pathos ist viel vermisst, aber sein Verschwinden hat durchaus seinen Grund.
Natürlich ist der junge Charles Heston auch nicht unbedingt das Maß der Dinge...
Mal sehen ob du das mit dem "All of this has happened before"-Moment, auch noch so siehst, wenn du das BSG Finale gesehen hast... Guckstu hier, verstehstu was ich mein:
AntwortenLöschenhttp://www.youtube.com/watch?v=TrcZ0J54Chs&feature=related
Man beachte, dass es nur der 4. Teil einer ganzen Serie mit dem Titel: "Peter O'Toole being a complete badass" ist... ;)
AntwortenLöschenFrauen schreit er an. Große Klasse! Avery Brooks ist jedes mal wenn er seine Stimme erhebt mehr badass.
AntwortenLöschenDon't cha dare Avery Brooks me! Unterstell mir nicht, dass ich gesagt hätte was heute gemacht wird sei schlechter! Avery Brooks ist...
AntwortenLöschenManchmal vermisse ich nur diese völlig selbstironiebefreite, herrlich präpostmoderne, pathostriefende Cheesiness...