So, jetzt hat euch die Sprache verschlagen, ja? Zuviel Selbstentäußerung im Internet? Ich kann nicht versprechen, dass das besser wird :P...
Die letzten beiden Tage saß ich an meinem Course Report, war im Gottesdienst in St. Martin und bin viel durch die Stadt gestiefelt.
Beim Course Report war die Gretchenfrage: Verreisse ich den italienischen Prof und seine steile "Wie-Wolfram-von-Eschenbach-fast-auf-dem-Scheiterhaufen-gelandet-wäre"-These oder doch nicht? Nach langem Hin- und Herformulieren, hab ich mich für eine leicht entschärfte, aber immernoch sehr klare Version entschieden, in der ich die Probleme seiner Argumentation (KEINE Quellengrundlage) aufzeige und gleichzeitig einen alternative Herangehensweise (narrativ-konzeptionell) vorschlage. Mal sehen was sie sagen... aber so stehen lassen ging einfach gar nicht :P. Zumal ich indirekt durch einen prominenten Wolfram-Experten bestätigt worden bin ;).
Am Samstag hab ich außerdem die ersten Folgen von "Grimm" angeguckt. Ein bisschen "Fables" und "Supernatural" mit einer Prise Crime-Series... naja, mitreissend nicht, nur Silas Weir Mitchell als im Grunde sympathischer aber leicht instabiler "Big Bad Wolf" hinterlässt einen (guten) bleibenden Eindruck. Er ist übrigens eines dieser Gesichter, das man sicherlich schon hundertmal in diversen Serien gesehen hat, aber auf Anhieb nicht an eine Rolle nageln kann. Ich für meinen Teil kannte ihn, wie sich herausstellte, aus Burn Notice (Seymour). Darüber hinaus bemerkenswert ist die Tatsache, dass viele der 'Monsters of the week' deutsche Namen haben: Während "Blutbad" (Plural "Blutbaden") und "Hexenbiest" (Plural "Hexenbiests") noch schlicht amüsant sind, ist "Jagerbaer" schon ein bisschen 'cringe-worthy'.
Eine weitere Seriem, die ich mir fürs lange Wochenende vorgenomme hatte war "Revenge". Trotz der sehr positiven Berichterstattung eines gewissen Taugenichts, schreckten mich die Optik und die Trailer ein bisschen ab. Sah für mich aus wie O.C. California ans andere Ende der Staaten (in die Hamptons) versetzt. Interessiere ich mich wirklich für den Liebesschmerz, die Lebenskrisen und Intrigen und ein bisschen Rachedrama um einen Haufen lächerlich reicher und absurd gut aussehender Amis? Wie es sich herausstellt tut es das! Emilys Rachestreben steht im Mittelpunkt (Schon ganz am Anfang heißt es "This is not a story about forgiveness" und dieser Tenor zieht sich bislang durch die ganze Serie) und bestimmt die anderen Erzählbögen, welche sich um sie herum entfalten. Eine O.C.-Atmossphäre kommt also erfreulicherweise zu keinem Zeitpunkt auf. Die Handlung ist dicht, spannend und schreitet schnell voran. Gerade hier hatte ich Angst, dass die Macher der Versuchung erliegen das Setting in aller Breite auszuschlachten und nochmal in allen bekannten Topoi einzuführen. Aber es geht erfreulich schnell zur Sache und Emily beginnt die Fassaden der reichen, schicken Hamptons-Welt einzureissen, nicht jedoch ohne sich dabei selbst immer tiefer in das komplexe Beziehungsgeflecht ihres Opferkreises zu verstricken. Gefällt mir!
Eben habe ich angefangen mit "Once upon a time", das zweite große Märchen-Abenteuer, dass die US-Serien diese Saison auf den Markt werfen. Klar bietet sich der Vergleich mit "Grimm" irgendwie an, aber die Jury ist in dieser Sache immernoch draußen (btw: Hoorray for direkt ins Deutsche übersetzte englische Idiome!) !
Als Ausgleichprogramm für viel zu viel Serienguckerei bin ich am Samstag im großen Bogen durch die Stadt gegangen. Von Hradcanská, über die Prager Burg, durch Hradcany bis zum Kloster Strahov (was überraschend schnell ging). Von Strahov aus müsste ich eigentlich in ca. 30 Minuten bis zu meinem Wohnheim laufen können... mal sehen, vielleicht teste ich das heute noch aus. Wirklich was zu tun hab ich heute nämlich bis 17h nicht. Von Strahov aus bin ich dann in die Kleinseite hinabgestiegen, wo ich über die Deutsche Botschaft stolperte und den Genscherschen Balkon ausspähte, was zu einer bizarren und äußert befremdlichen patriotischen Regung irgendwo tief in meiner bundesdeutschen Brust führte. Hm, das wird beobachtet!
Danach bin ich im weiten Bogen durch Malá Strana wieder zurück zur Hradcanská gelaufen. War schön, ein bisschen Bewegung und ich habe wieder ein paar Verknüpfungen hergestellt und Horizonte verschoben. Wer hätte gedacht, dass man von Strahov aus so einen tollen Blick auf die Stadt hat?
Am nächsten Tag hatte ich die (katholische) Schweizer Mathematikerin überredet mich ich den evangelischen (Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder) Gottesdienst in St. Martin an der Mauer zu begleiten. Eigentlich nur ein Vorwand um Tschechiens ältestes erhaltenes Kreuzrippengewölbe zu bewundern. Außerdem wurde in dieser Kirche 1414 im Rahmen der hussitischen Reformen zu ersten mal das Abendmahl sub utraque specie gefeiert. War dann aber auch ein sehr schöner Gottesdienst. Die Pfarrerin war ein bisschen anstrengend, sehr enthusiastisch-salbungsvoll, darauf steh ich ja GAR NICHT. Aber der Gastpfarrer, der (dankenswerterweise) die Predigt hielt schlug sich da schon besser. Ausreichende Kontextualisierung der Bibelstelle und keine Angst vor unbequemen Passagen (Unvergessen die Äußerung einer Ex-Freundin: "Ich mag das Alte Testament nicht..." :P). Auch ein gewisser Pfarrerskind-Nostaligefaktor machte sich breit: Die haben noch die alten Gesangsbücher! Nachdem meine katholische Begleitung ihre Verwunderung über eine "richtige Struktur im Gottesdienst" überwunden hatte, eskalierte unser Heimweg ("eigentlich könnten wir auch laufen") ein bisschen, führte uns über die Karlsbrücke, durch die Kleinseite und Újezd, dort in eine bonbonbuntes China-Restaurant mit hirnerweichender pseudo-asiatischer Schmachtmusik, die sich unauslöschlich in meine Ohwindungen wurmte, und schließlich über Strahov hinauf zu ihrem Wohnheim/meiner Tram.
Nachdem ich mich also in dieser Weise wieder erfolgreich für einen halben Tag vor der Fertigstellung des Course Reports gedrückt hatte, musste dieser nun, nachdem ich wieder im Wohnheim war, ernsthaft angegangen werden. Um aber das Hörtrauma aus dem Chinarestaurant zu überwinden, mussten wahrhaft schwere Geschütze aufgefahren werden. Vorher war an ein sinnvolles Arbeiten nicht zu denken. J.S. Bachs Johannespassion hat sich dann aber doch als seeeeeehr effektiv erwiesen! Mit so gereinigtem Hörapparat konnte dann im Laufe des Abends auch der Course Report zu einem (hoffentlich) glücklichen Ende gebracht werden.
Was habe ich heute/am Wochenende gelernt: Ein bisschen was über Bach, die Deutsche Wiedervereinigung sowie die Topographie dieser schönen Stadt. Ansonsten war ich erfreulich faul!
Was höre ich gerade: Bach war schon ne Granate. Hat mich gerade echt am Haken: "Wir haben ein Ge-seeetz, und nach-deeem Ge-seeetz soll er steheheheheheheheheheheheeeerben!"
PS: Als Nachtrag vielleicht noch mein großer Lacher des Wochenendes zur aktuellen Verfassungsschutz/Rechtsradikalismus-Debatte in der Heimat...
find ich gut, dass du dich weiter so effektiv in die stadt einarbeitest. wenn du mal nen richtig guten überblick hast, kommen wir dich besuchen...
AntwortenLöschenEndlich Musik, die ich mit Dir mithören, ja mitfühlen kann! Bach vereint Mathematik, Ästhetik und kraftvolle Spiritualität ... und bringt Klarheit ins Gemüt!
AntwortenLöschenUnd die Tagesschau damals mit "Genschers Balkon" werde ich nie vergessen. Dieses Ahnen und sich doch nicht hoffen Trauen auf eine völlig neue Zukunft ...
Hei, was für "Bilder"!
Weitermachen!
und bach liebt auch deine oma
AntwortenLöschenNoch ein halbes Jahr und du kannst deinen ersten Stadtroman schreiben! Ich empfehle dark & gritty. Typ ist verliebt in eine Stadt, kommt aber gar nicht mehr von ihr los, und bevor er sich versieht ist er besessen und wird sterbenskrank in einer Kutsche aus der Stadt geschleppt wird. - That sort of thing.
AntwortenLöschenEs scheint als sei sein Leben zum Stillstand gekommen... ooooooder er hat soviel "wichtigeres" zu tun als uns Rede und Antwort zu stehen. Kleiner Großer Bruder, was gibts in Genf schönes zu sehen?
AntwortenLöschenSiehe oben. Es wäre im übrigen Bern, nicht Genf. Beides Schweiz, aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf... und um die Verwirrung komplett zu machen wäre da auch noch Zürich...!
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