So Weihnachten ist überstanden und der Jahreswechsel auch. Schön war es in der Heimat, ein bisschen vermiss ich euch alle schon auch, aber was dort passiert ist tut hier nichts zur Sache und wurde zudem an anderer Stelle in unnachahmlicher Weise bereits prägnant zusammengefasst.
Nun bin ich seit über zehn Tagen wieder in der Zwischenheimat meiner Wahl und komme endlich mal wieder zum Schreiben, um euch auf den neusten Stand zu bringen.
Erstmal also allen, die ich nicht persönlich erreicht habe auf diesem Wege ein wundervolles neues Jahr 2012! Mögen wir alle die Enttäuschung verkraft, wenn es entgegen aller Versprechen, doch nicht das letzte aller Jahre gewesen sein wird.
Ich habe den Jahreswechsel mit Bears, dem Drei-Bücher-Propheten und der Tschechin deren Antlitz der Schiffe Tausend rief, weit weg von Prag im tiefsten, dunkelsten Riesengebirgsvorland verbracht: Malá Skála (dt.: Kleiner Felsen), ein putziges Dörfchen mit etwas mehr als 1000 Einwohnern, allerliebst gelegen im Český ráj (dt.: Böhmisches Paradies) ganz im Nordosten Böhmens.
Wir haben also das getan was "echte" Prager an Silvester machen und haben Prag so weeeeeeit wie nur möglich hinter uns gelassen und es den Touristen und Austauschstudenten überlassen besoffen von der Karlsbrücke zu fallen und sich auf dem Wenzelsplatz mit Feuerwerkskörpern zu beschießen. Dafür gabs dann halt kein kolossales Profi-Feuerwerk, sondern eher etwas in den Dimensionen von Untersteinach.
Wir sind in einer sehr hübschen Pension untergekommen und haben, außer lange zu schlafen, am 31. und am 01. vor allem viel zu gut für viel zu wenig Geld im örtlichen Gasthaus (U Boučku) gespeist (für 180 CZK, bekam man ein Riesenessen, zwei Bier und einen Schnaps! Es ist was dran: Je weiter man von Prag weg kommt, umso besser und umso billiger wird das böhmische Essen) und sind zum Ausgleich viel durch die Gegend gestiefelt. Zwar wurde mit von schweizerisch sozialisierter Seite verboten unsere Ausflüge als "Wanderungen" und das Gelände durch das wir uns dabei bewegten als "Berge" zu bezeichnen, ich bleibe aber dabei, dass es das ziemlich genau trifft: Bergwanderungen haben wir gemacht! Hah!
Die Landschaft ist wirklich atemberaubend, richtig schön wildromantisch.
Am ersten Tag war das Wetter auch noch recht kooperativ und wir haben rasch die schlammigen Hänge erklommen und nachdem wir mal die Schneefallgrenze überschritten hatten wurde es so richtig, richtig kitschig. 30 cm Neuschnee über Wald, Fels und Feld durch die wir marschiert sind. Wir haben uns durch Felsklüfte gezwängt (mein Mantel hat immernoch überall Dreckspuren) und sind auf Findlinge geklettert von denen man einen fantastischen Blick übers Land hatte. Am Ende waren wir in einer Art Felsenkessel, den Hussiten während der habsburgischen Rekatholisierung im 17. Jahrhundert als Versteck genutzt haben, wo Touristen seit dem 18. Jahrhundert sich mit Felsengraffitis verewigt haben.
Zurückgekehrt und mit Svčíková, Bier und Knoblauchsuppe gestärkt haben wir in der Pension dann unsere Feuerzangenbowle gemacht. Da wurden die Dinge dann etwas verwegen. Wir hatten es im Chaos der Anreise (Ein Kapitel für sich, es verzögerte sich alles ein bisschen, weil der Drei-Bücher-Philosoph den Prager öffentlichen Nahverkehr grundsätzlich keine Tickets zugestehen will und sich dann auch gerne mit der Polizei anlegt. Und das war nur der Anfang...) hatten wir es nicht mehr geschafft hochprozentigen Rum zu beschaffen, der ordentlich brennt. Alles was die Tschechin deren Antlitz der Schiffe tausend rief im örtlichen Potraviny noch auftreiben konnte dümpelte so um die 30% rum, was zu wenig ist (angeblich braucht es 54%). Der Drei-Bücher-Philosoph ließ sich davon nicht ermutigen und hat einfach in einer ansässigen Kneipe etwas Absinth, mit - ja - Spiritus gestreckt, aufgetrieben und in einem Gurkenglas in die Pension gebracht.
In der Hoffnung, dass wir am nächsten morgen nicht alle erblindet sein würden, haben wir diese abenteuerliche Mischung dann als Brandbeschleuniger genutzt, um den billigen Rum der sich durch die Zuckerhüte gefressen hatte, anzuzünden. Und siehe da, das Ergebnis übertraf unsere kühnsten Hoffnungen. Wir hatten spektakuläre Stichflammen, die beiden Tschechen waren vom deutschen Pyromanentum völlig begeistert und über dem Herd gibt es jetzt einige charmante Brandflecken an der Küchezeile. Ist gut fürs rustikale Ambiente. Danach haben wir uns den gleichsamen Film (Also nicht "Rustikales Ambiente", sondern "Die Feuerzangenbowle") angesehen, wobei ich mir mit jeder Minute unsicherer wurde, ob ich diesen Film schon einmal gesehen habe wie ich es mir eigentlich eingebildet hatte. Sind ja wirklich einige Hammer Oneliner dabei, wie man heute sagen würde ("Na, die Herren sind ja heute sehr animiert" und natürlich "Aber nur einön winzigön Schlock!"). Die Zeitumstände (1944) unter denen der Film entstanden ist, merkt man ihm leider ab und an an, was dann - interessanterweise nur in der deutschen Fraktion - zu schmerzverzerrten Grimassen führte. Das schmälert den Film insgesamt aber nicht, ist ein ganz putziges, wunderbares zeitloses "Loblied auf die Schule, auch wenn es möglich ist, dass die Schule das nicht merkt".
Am Rande: Bamberg verkauft sich v.a. auf Postkarten gerne mal als die "Stadt der Feuerzangenbowle". Das liegt daran, dass die in Roman und Film erwähnte Stadt "Babenberg", wohl mit der schönen oberfränkischen Bischofsstadt identifiziert worden ist. Auf meinen Führungen bin ich daher schon des Öfteren gefragt worden, ob der Film nicht hier gedreht worden ist. Jeder der jedoch nen Wikipedia-Artikel lesen kann (jeder Schimpanse) oder mal ein Referat über den Hallenumgangschor von St. Michael in Schwäbisch Hall gehalten hat (Ich;)), findet schnell heraus, dass dem Film eben jenes malerische Schwabenstädtchen als Kulisse diente...
Ein weiterer Höhepunkt des Abends war das Entzünden von Bears schweizerischer "Tischbombe", die mit einem lauten PLOPP einen bunten Schauer aus wunderbar sinnlosen Plastikhütchen, Brillen, Konfetti und anklebbaren Schnurrbärten durchs ganze Zimmer verteilte. Unnötig zu erwähnen das zahlreiche Fotos entstanden, die besser niemals an die öffentlichkeit gelangen...
In dieser Form durch supersüße Bowle, prickelnden Sekt, schweizerischen Tischterrorismus und nationalsozialistische Wohlfühlpropaganda "animiert" trieben wir dann ins neue Jahr hinüber...
Der nächste Morgen begann ernüchternd. Um halb zwölf weckte uns die Hausherrin mit dem Hinweis, dass wir in ner halben Stunde gehen müssten. Bei meinem deutschen Pflichtbewusstsein gepackt und katalysiert durch schlechtes Gewissen habe ich mich sofort daran gemacht die völlig verwüstete Küche in Stand zu setzen, während Bears, deren bisweiligen gegenläufige nationale Identitätskonzepte in diesem Augenblick eher deutsch-schweizerisch ausschlugen, sich daran machte die Schrapnelle der Tischbombe zu entschärfen... zumindest ein Teil tschechischen Fraktion zog es aber vor noch ein bisschen zu schlafen und dann zwanzig Minuten zu duschen... :P
Nach diesem unverhofft frühen Start ins neue Jahr, mussten wir uns erstmal im U Boučku mit böhmischen Ovocný knedlík (Obstknödeln! Yummie!) kräftigen und sind dann bei deutlich ungastlicheren Wetter wieder losgezogen. Über einen matschigen Waldweg, ging es zu einem ebenso matschigen Waldfriedhof, um von dort über einen anderen matschigen Waldweg schließlich zu einem abenteuerlichen Bergpfad vorzustoßen, der uns durch Regenschleier und Nebelschwaden über einen felsigen Hügelkamm zu einer alten Burgruine führte. Auf dem Weg nach dort oben, war es trotz Nässe und Kälte, sehr beeindruckend. Das Mittelgbirgsland um uns lag unter Schneewolken und Nebelfetzen, es regnete nur ein bisschen, was die leicht gruselig-mythische Atmosspähre an der Ruine dann perfekt machte. Natürlich bin ich im Geiste nicht zu einer böhmischen Burgruine geklettert, sondern wanderte an der Schwertküste zur alten Gnollfeste, um dort eine gewisse Magierin aus ihrer Gefangenschaft zu befreien... (Gosh, I miss Baldur's Gate...).
Gegen Abend brachte uns der Zug dann zurück ins schöne Prag und die harsche Realität des neuen Jahres. Das bedeutete im einzelnen in den letzten Tagen (den ersten Tage 2012):
- Ich habe meinen hoffentlich letzten Course Review für dieses Semester geschrieben. Das Amerika-Seminar. Gab wenig auszusetzen, jetzt muss ich ihn nur noch abschicken. Kann mich aber mit dieser Form der Leistungserhebung null anfreunden. Nervt. Gebt mir ein ordentliches Referat, for crying out loud!
- Bears ist total im Lernstress. Anders als andere Anwesende, studiert sie hier nämlich WIRKLICH und macht nicht so ein halbarschiges Pseudo-ERASMUS Auslandsstudium (Anders als andere Anwesende, beherrscht sie allerdings auch die Landessprache...:P)
- Am Mittwoch habe ich meine letzte Klausur. Deutsche Literatur vor 1700. Spiele mit dem Gedanken einfach nicht zu lernen.
- Nun, da das Semester zu Ende geht, muss ich sagen, dass ich mich wirklich nicht besonders angestrengt habe. Im Gegenteil. Der ganze Unikram lief wirklich nur sehr nebenher. Vielleicht in den letzten eineinhalb Wochen vor Weihnachten etwas weniger, aber ansonsten war mein universitärer Aufwand hier mehr als überschaubar. Mal sehen wie das im nächsten Semester wird. Habe gestern voll Wehmut die Excel-Tabellen mit meinen bisherigen Bamberger Studienleistungen durchforstet. Das wäre mal wieder was: Geballtes Mittelalter, mit richtiger Arbeit, richtigen Referaten und echten Diskussionen! Aber ich sitze noch ein halbes Jahr hier und werde jeden Tag dümmer .... ;).
- Am Freitag war ich mit den ERASMUS-Damen im Kino und zwar im neuen Sherlock Holmes Film. Nachdem ich mir den ersten Teil am Nachmittag noch schnell reingestreamt hatte und recht angetan war, erwies sich der Zweite auch nicht als Enttäuschung. Jeder Film in dem die deutschen Schurken tatsächlich recht passables Deutsch sprechen ("Wenn sie entkommen, seid ihr TOT!"), hat bei mir einen Stein im Brett.
- Habe außerdem Bears' Bruder kennengelernt, der auf Stippvisite in Prag vorbeikam. Kann lustige Geschichten davon erzählen wie er in Bern auf dem Bundesplatz von SVP-Schergen festgesetzt wurde...
- Wann kommen meine Brüder mich mal besuchen? Häh? Selbiges gilt für Elternteile, Kommilitonen und Mitbewohner!?!
- Nächstes WE fahren Bears und Ich für drei Tage in die Schweiz, nach Bern. Familienvorstellungsrunde. *Gulp*. Ich bin gespannt. Für den Fall, dass ihr nichts mehr von mir hört, kontaktiert die deutsche Botschaft in Bern.
- Auch die zweite größere Exkursion ist schon gebucht. Anfang März fliegen wir nach London und fahren dann weiter nach Oxford! Bears hat da ein Klassentreffen, das wir als Vorwand nehmen, um mal wieder auf der Insel vorbei zu gucken. Letztes mal war ich da... Februar 2009, wegen einer gewissen Ex-Freundin... quasi in einem anderen Leben also... Kinder wie die Zeit vergeht!!
- Jetzt sollte ich aber wirklich mal anfangen mir zumindest die Renaissance und Barock Literatur ein bisschen anzusehen...
Definiere "Tischterrorismus, schweizerisch"?!
AntwortenLöschenHattet Ihr etwa Fondue mit verlorenen Brotstückchen plus Sanktionen?
Das böhmische Paradies durchstieg ich auch schon.
Ebenbürtig ist die böhmische Schweiz, im Nordwesten ... falls Du wieder einen gastronomischen Streifz ... äh eine sportliche Wanderung in "Czech" erwägst!