Schwarze Trauerfahnen überall an der Prager Burg, am Nationalmuseum, an Schulen und öffentlichen Gebäuden. Alles andere auf Halbmast. Verwirrte Touristen, die nicht verstehen was gerade passiert und Tschechen mit Tränen in Augen in der Tram und auf dem Wenzelsplatz.
Václav Havel (habe vor einigen Wochen über ihn geschrieben) ist tot und Tschechien nimmt sich das seeeeeeehr zu Herzen. Wir waren gestern auf einer spontanen, recht unoffiziellen Trauerkundgebung am Wenzelplatz, wo sicherlich einige Tausend Leute waren. War sehr berührend, auch wenn natürlich alles auf Tschechisch war und ich daher nicht wirklich etwas verstand. Die Rituale, die sich mit Havels Wirken in den späten 80ern verbinden wurden aktualisiert: Man sang die Nationalhymne, es gab "Havel na Hrad!"-Rufe und die Leute haben mit ihren Schlüsselbündern gerasselt. Alles Formeln der Samtenen Revolution, die im wesentlichen Havels Verdienst waren.
Auch für mich, der ich solchen Dingen ja innerlich eher fern stehe, doch beinahe ergreifend. Nun kommt Bears' Familie ja zur Hälfte aus Tschechien und es war schon sehr besonders so hautnah mitzubekommen, wie von Tschechen oder in Tschechien der Tod dieses Mannes aufgenommen wurde. Ich glaube nicht, dass es in Dtld. jemanden gibt, dessen Tod ähnliche Reaktionen hervorrufen würde. Havel war für die Tschechen ein Landesvater wie für die Deutschen Adenauer oder Brandt, eine moralische Instanz wie von Weizsäcker, dabei gleichzeitig für die jüngste Geschichte des Landes (Ende der Sowjetunion, Teilung in Tschechien und Slowakei, Westanschluss des Landes) so prägend wie für unsereins vielleicht Heimut Kohl! Und dann ist man noch nicht mal dabei angekommen, dass er auch noch ein einflussreicher und gefeierter Autor und Dramatiker war.
Auf jeden Fall hab ich das die letzten 24 Stunden hier sehr intensiv erlebt, die Medien sind voll davon und die nächsten Tage wird er in der Burg aufgebahrt, damit die Tschechen Abschied nehmen können. Tatsächlich waren wir gestern noch bei einer anderen Veranstaltung auf Kampa an der Moldau. Es brannte ein Feuer, es waren einige Hundert Leute da und sie haben gesungen und abwechselnd von ihren Erinnerungen an Havel gesprochen. War eine ganz merkwürdige Atmossphäre. Immer wieder gab es Zwischenrufe und die Leute haben laut gelacht, wie über einen geteilten Scherz. Ich habe natürlich kaum etwas verstanden und auch mit Bears' Übersetzung nur einen unvollständigen Eindruck erhalten, von dem was da geschieht. Dennoch war die Stimmung sehr besonders, man hatte den Eindruck alle würden einen gemeinsamen Freund begraben, jemand zu dessen Andenken und Leben jeder eine sehr persönliche Beziehung hat, die weit über staatsbürgerliche Betroffenheitsübung und patriotische Reflexe hinausgeht. Durch und durch bemerkenswert!
Wenn heute Helmut Kohl oder Richard von Weizsäcker stürbe, glaube ich kaum, dass mich das so beschäftigte, wie jetzt hier der Tod von Havel.
Vom Hauch der Geschichte, der hier gerade allerorten weht einmal abgesehen war die letzte Woche ziemlich umtriebig.
- Meine Recherche nach Büchern für meinen Essay hat mich durch die gefühlte Hälfte der 40 Teil- und Kleinstbibliotheken der Karlsuni geführt. Anstregend und oft frustrierend, dafür kenn ich mich jetzt in dem labyrinthischen Unikomplex zwischen Zeletná und Ovocný Trh (Was erstaunlicherweise nichts anderes als "Obstmarkt" bedeutet. Bzw. wörtlich eigentlich "Öbstlicher Markt") ganz gut aus. Und den Aufsatz nachdem ich so verzweifelt gesucht habe, hab ich auch gefunden. Yay!
Die Leute von der Geschichte hier sind im übrigen sehr nett, super-hilfsbereit und sprechen alle zumindest ausreichend gut Deutsch. Stellt sich heraus, dass sie eine Deutschprüfung ablegen müssen, wenn sie Geschichte studieren wollen! Offenbar ist die Forschung zur Geschichte Tschechiens bzw. Böhmens einfach so lange von Deutschen bzw. Deutschsprachigen geprägt worden, dass es einfach notwenig ist.
- Außerdem hab ich mit endlich ein Karlsuni T-Shirt gekauft, das ganz unbescheiden"Est. 1358" verkündet! War ja der eigentliche Grund hierherzukommen: Behaupten zu können an der ältesten Uni Mitteleuropas (südlich von Oxford, östlich von Paris, nördlich von Bologna) studiert zu haben und mir ein Hemd zu kaufen, dass das zweifelfrei belegt! Another Yay!
- Wir waren Donnerstag im "Besuch der Alten Dame" von der Theatergruppe der Germanistik hier. War eine sehr putzige Umsetzung und hat natürlich zu massiver Nostalgie meinerseits geführt. Irgendwie hab ich dieses Semester den Aufsprung verpasst, aber für nächstes Semester hab ich mich jetzt schon mal angemeldet. Ich werde also endlich, endlich, endlich mal wieder Theater spielen! And another Yay!
- Habe vor einigen Wochen schon einer Bekannten des Drei-Bücher-Philosphen (Wegen ihres sehr, öhm... freizügigen Facebook-Fotos seither im internen Diskurs nur noch als "Die Nackte" angeprochen - und Nein sie ist nicht auf meiner Liste, also braucht ihr nicht sofort losziehen und gucken...;)) dabei geholfen "Grenzverkehr" einen Film in dem tiefstes Bayrisch gesprochen wurde mit Untertiteln zu versehen. Ich übertrug das gesprochene Bayrisch also in Hochdeutsch und sie das Hochdeutsch dann ins Tschechische. War ganz witzig, wenn auch manchmal etwas merkwürdig, wenn man nach einer völlig unschuldigen Nachfrage erklären musste was "wixen", denn nun eigentlich genau bedeutet... in jedem Falle dürfte ich das Vokabular der Nackten deutlich erweitert haben... wenn auch wohl nur recht eindimensional.
- Vorletzte Woche oder wann das gewesen sein mag, war ich mit den ERASMUS Damen im Kino. Haben uns "Immortals" in 3D gegeben. An und für sich ein Film für die Tonne, wenn es nicht die wirklich sehenswerten Kampfszenen gäbe. Wie Zeus, Athene und Poseidon sich durch die sehr orkig geratenen Titanen schnetzeln ist optisch schon packend. Besonders beeindruckend war aber Ares der mit seinem Kriegshammer in Zeitraffer unter die wie erstarrten Feinde fährt und links und rechts blutige Blumen aus ihren Schädeln erblühen lässt. Durchaus innovativ und interessant, wie die gesamte Optik des Filmes, die offensichtlich durch Caravaggio-Gemälde und REM Muskvideos (kann man das im GEMA-Geiselland Dtld. sehen?) ispiriert wurde. Allerdings hätte ich nichts vermisst, wenn der Film NUR aus solchen Szenen bestanden hätte. Das bisschenHandlung zwischrein, als Entschuldigung den Helden nun in den nächsten Kampf zu schicken, hätte man sich konsequenter- und ehrlicherweise auch gleich ganz sparen können.
- Eigentlich hab ich grad gar keine Zeit. Mein Essay muss bis heute um Mitternacht fertig werden und ich muss noch die gesamten Beziehungen zwischen den deutschen Königen und den böhmischen Herzögen um 1200 nachzeichnen. Drei Seiten gilt es noch zu füllen, dann ist das Minimalziel erreicht und ich habe einen zehnseitigen Essay im wesentlichen in 48 Stunden durchgeprügelt. Außerdem ist heute Abend Abschlussklausur im CIEE und ich habe noch NICHTS dafür gelernt. Werde daher gleich ins Clementinum gehen und weiterschreiben bzw. anfangen zu lernen. Zudem ist MORGEN ja auch noch Abschlussklausur Tschechisch und wann ich das bitte lernen soll hat mir auch noch keiner verraten...
- Wird Zeit für die Feiertage! Freu mich auf die Heimat!
A brief word on action movies, by an everlasting source of joy and inspiration: http://xkcd.com/311/
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