Aber der Reihe nach: Nun da sich mein Aufenthalt hier im größten aller böhmischen Dörfer unweigerlich dem Ende zuneigt (Kommenden Freitag holt mich hoffentlich der Baron hier ab...) hat mich der Ehrgeiz gepackt die letzten zweieinhalb Monate handlich zu verpacken und hier häppchenweise in den nächsten Tagen (in denen ich nichts weiter zu tun habe als in dem subtropischen mittelböhmischen Klima nicht einzugehen und natürlich das organisatorische Abwicklen meines Auslandsaufenthalts) nachzuliefern. Das wird in einer Reihe getrennter Beiträge geschehen. In diesem hier werde ich mich noch ein bisschen über meine aktuelle Situation und wie es so weitergeht auslassen. Darauf folgend kommt ein Artikel mit dem schönen Namen "Christoph vs. the Prague Spring" in dem ich v.a. mein universitären und sonstigen Aktivitäten bis Ende Mai - und damit Ende des Sommersemesters - nachliefere. Dem folgt ein weiterer Artikel "Christoph vs. Goethe", denn alle Aktivitäten um unsere Aufführung von Goethes unterschätztestem Trauerspiel "Stella" am 14. Mai dieses Jahres verdienen einen extra Post, wie ich meine. Schlussendlich werde ich dann in einem spannenden travelogue unter dem Namen "Christoph vs. the Rest of the Republic" den größeren Teil des Junis zusammenfassen, den ich v.a. auf Reisen in den oben genannten Städten in der Schweiz oder in Tschechien verbracht habe.
Der Vorsatz ist also gefasst und wortreich formuliert und sei hiermit mit der Bitte um Nachsicht für mein langes Schweigen verbunden, sollte es da draußen wirklich jemanden geben, der diesen Umstand als Schmälerung seiner Lebensqualität angesehen haben sollte.
Aktuell bin ich also wieder in Prag, sei Freitag Mittag, um genau zu sein und somit hat offiziell meine letzte Woche in dieser schönen Stadt und diesem noch viel schöneren Land angefangen. Bears musste sich schon Freitag Abend wieder in die schweizer Heimat verabschieden was mich dazu übergehenließ mit den Resten der Stella-Crew und einigem Anhang auf einem Biergarten zwischen Zizkov und Vinohrady das Viertelfinale Deutschland vs. Griechenland zu gucken.
Bei diesem auserlesenen Zirkel (von einer finnischen Mitläuferin konsequent als "German Mafia" bezeichnet), handelt es sich v.a. um den bereits erwähnten Postillion, der mir in den letzten Monaten zu so etwas wie der der Volker Kauder zu meinem Peter Struck (was macht der eigentlich zur Zeit?) geworden ist, dann noch Cäcilie mein Weib die, hier ebenfalls nach ihrer Rolle in "Stella" geführt werden wird und mit der ich nach Anfangsschwierigkeiten intensiv geek-bonden konnte (Community, Buffy, Scru´bs et. al. Erinnert sich noch jemand über meine Worte zur integrativen Kraft amerkanischer Geek-Kultur ganz zu Beginn dieses Blogs?) und nicht zu vergessen that other Czech-Swiss girl, die hier sinnigerweise so heißt, weil sie neben Bears hier eben genau das ist: das andere Mädchen mit einem tschechisch-schweizerischen Hintergrund (Tatsächlich scheint es hier einen ganzen Sack voll von denen zu geben! Wie diese spezielle Bekanntschaft zustande kam wird an anderer Stelle noch detaillierter beschrieben). Dieser Kreis ließe sich sicherlich noch um drei oder vier weitere Namen, die an Stella (und den nachfolgenden Feten) beteiligten waren erweitern, aber der Übersicht halber wollen wir es hier bei den Genannten belassen, was natürlich keinenfalls den Wert der anderen (Annchen, Stella-Stella, Mme. Postmeisterin, Ředitelka, Žiráffe) schmälern soll.
Nachdem also in dieser erlesenen Runde die erfolgreiche Demontage Griechenlands bezeugt worden war, alle schlechten "Heimspiel in Danzig"-Blödeleien des Postillions sowie seine und anderer hahnebüchenen Versuche aus dem Gag-Setup "Euro/EM/Griechenland vs. DeutschlandPleite/Gyros/Angela Merkel" ein paar passable Witzchen zu stricken, ertragen worden waren, ging es noch weiter ins Prager Nachtleben. Im ersten Club wurde die Musik für zu schlecht, das Bier für zu dünn und das Publikum für zu jung erachtet, in den zweiten Club kamen wir dann nicht rein, weil offensichtlich halb Prag hoffte die oben genannten Probleme in diesem hier nicht zu haben, und im dritten Club war es dann doch ein bisschen zuuuu lahm. Mein Weib Cäcilie und ich wurden irgendwann müde halb-erinnerte Reprisals von Xander's und Anya's "I'll never tell" zu geben, irgendjemand beschwerte sich über schmerzende Füße, der mitgeführte Alkohol ging aus, der Postillion verabschiedete sich mit seiner erst kürzlich erworbenen Prager Freundin und so kam es zu einer Situation, wie sie wohl nur nach drei enttäsuchenden Clubs, mehreren Bieren, stundenlangen durch die Stadt Gelatsche und in einer geschrumpften Gruppe nach drei Uhr morgens entstehen kann: Irgendjemand beschwerte sich über schmerzende Füße, jemand anderes wollte unbedingt eine Večerka also einen 24-Std. Potraviny (etw. Mini-Market) finden, und jemand anderes schlug vor den Sonnenaufgang zu beobachten. Und so fanden wir uns zu sechst eine gute Stunde später zunächst auf der Burg und dann an den Hängen unterhalb des Klosters Strahov ein, um die Sonne über Prag aufgehen zu sehen.
Ein merkwürdig liminaler Moment in dem in mir, als sich die Drei-Turm-Shilouette des Veitsdom tiefschwarz vor dem langsam blauviolett schimmernden Himmel im Osten abzeichnete, viel zusammenkam: Die Eindrücke aus der langen Reise mit Bears, und das Vermissen dieser Frau an meiner Seite, die ich jetzt vier Wochen lang jeden Tag um mich hatte, das Bewusststein nun die letzte Woche in Prag nach fast einem Jahr anzutreten, der Rückblick auf im Großen und Ganzen neun ganz fantastische Monate in dieser Stadt und in diesem Land, die Aussicht auf ein weiteres Jahr in Bamberg, die große Ungewissheit auf das "Danach", sowie die Hoffnung ein paar Menschen an meiner Seite zu haben aus denen sich echte Freunde entwickeln könnten...
Die Vögel plärrten um uns herum von den Hängen des Petřin, jemand beschwerte sich über schmerzende Füße und der Himmel im Osten wurde immer heller, man konnte an den Türmen des Veitsdoms langsam einzelne der feingesponnen Bögen und Streben erkennen. Das Licht der Morgensonne kroch langsam über das vor uns ausgebreitete Prag, dessen viel beschworenen "Tausend Türme" sich von keinem Ort besser erahnen lassen, als hier.
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| Prague Dawn: Das Bild ist nicht von mir sondern ganz dreist und ohne sie zu fragen von der Frau geklaut, die sich den ganzen Morgen über schmerzende Füße beklagt hat. Ja, vorsicht mit Facebook.... |
Zu unser aller Erstaunen war von der Sonne selbst noch nichts zu sehen, obwohl es nun bereits fast taghell war, auch dann nicht als die anderen beschlossen sich ein frühes Frühstück zu organisieren und ich mich in Richtung Kolej wandte.
Auf dem Weg wurde mir klar, dass meine liminalen Abenteuer bei weitem nicht abgeschlossen sind. Mein Leben wird noch für einige Jahre, wenn nicht länger, ein Gleiten und Wechseln zwischen Polen, Phasen, Städten, Ländern und Menschen bleiben. Ich gehe davon aus, dass es - anders als bisher ganz überwiegend - dabei nicht immer nur aufwärts gehen wird, dass es beizeiten richtig anstrengend und sogar schmerzhaft werden wird.
Aber das ist der Pfad den ich eingeschlagen habe, spätestens als ich der Dame in der Bamberger Studentenkanzlei "In-ter-dis-zi-pli-nä-re Mittelalterstudien" in die Tastatur diktierte. Sicherlich hat sich nicht alles so entwickelt wie erwartet oder geplant, sicherlich ist vieles erschreckend unklar dafür dass ich fast 26 bin und noch immer meinen Eltern auf der Tasche liege, wohingegen Andere in meinem Alter schon seit acht Jahren sozialversicherungspflichtig arbeiten und das zweite Kind kommen haben. Aber ich würde es um nichts in der Welt anders wollen und werde jeden Tag genießen inzwischen alledem.
Als ich schließlich am Kolej angekommen war, war dann auch endlich die Sonne selbst über den Rand der Welt gekrochen und zumindest dieser spezielle Tag begann damit, dass ich endlich ins Bett ging.

Ich kann dich sehr gut verstehen! Aber es geht immer weiter und nichts ist so schön wie eine tolle Erinnerung!!! Fühl dich ganz lieb gedrückt!
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